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Drop City

Text Ronja Friedrichs

Wenn aus einer Ziegenfarm irgendwo in Colorado aus Versehen Amerikas erste Hippiekommune wird, um anschließend zu einem Parkplatz zu werden, dann gibt es Geschichten zu erzählen – viele Geschichten. Über alternative Lebensentwürfe, über Ideale, über Kunst, dem Streben nach Ruhm, über Drogen und Partys. Über Nachhaltigkeit und unser Zusammenleben in der Gesellschaft.

Noch heute erweckt Drop City nur durch das Betrachten der Bilder ein Sehnsuchtsgefühl. Das idealtypische, gemeinschaftliche Zusammenleben in einer harmonischen Wirklichkeit, abgegrenzt von den Problemen der Zivilisation, scheint hier Wirklichkeit gewesen zu sein. Ein Ort, an dem Menschen wuseln, bauen, Kunst schaffen, an dem Kinder spielen oder gemeinsam gegessen wird. Ein Ort, der jedem Individuum den Raum zur freien Entfaltung des Ichs gibt. Und die Bilder lügen nicht, denn das gab es für einen kurzen Moment in Drop City.

Zeitgeist

Es heißt Drop City sei eine Legende, ein Mythos und gleichzeitig real. Ein nicht fassbarer, unbeschreiblicher Ort, gleichwohl in seiner Existenz unbestritten. Eine kleine, progressive Enklave inmitten der ultrakonservativen, amerikanischen Nachkriegs­gesellschaft, in der das Bild von der glücklichen Hausfrau und dem viel und lange arbeitenden Vater im gepflegten Haus dominierte. Gegründet wenige Jahre nachdem sich unter dem Label des Red Scares Staatsbeamte, Journalisten und Künstler vor dem House Committee on Un-American Activities rechtfertigen mussten. Und, obwohl bei Grundlegung Drop Citys diese McCarthy-Ära bereits überwunden schien, war dennoch ein nennenswerter Teil der US-amerikanischen Jugend immer noch von der Politik enttäuscht und verärgert. Zahlreiche Subkulturen entstanden und erprobten die Rebellion. Zeitgleich kämpfte, insbesondere im Süden der USA, der afroamerikanische Teil der Bevölkerung für ein Ende der Rassendiskriminierung und im Mittleren Westen begann die Studentenbewegung. Martin Luther King jr. und ­Malcom X gehörten damals genauso zum Teil der gesellschaftlichen Realität wie Marilyn Monroe und Elvis Presley. Im Herbst 1964 eskalierten die Ereignisse in Vietnam, die USA griffen nun aktiv in den dortigen Bürgerkrieg ein und vorwiegend weiße Mittelschichtskinder propagierten als Hippies „Love, Peace and Unity“.
Währenddessen überlegten sich in einem Loft in Kansas ein paar Studenten, ihr bisheriges Leben zu verlassen, in den Westen zu ziehen und dort – im ländlichen Gebiet abseits der großen Zentren – eine Kommune zu gründen. Damit lösten sie mehr zufällig als beabsichtigt eine Back-to-the-Land-Bewegung aus, die besonders unter den Hippies Anklang fand.

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Kosmische Kräfte

Inmitten von wüstenartigen Äckern, mit Blick auf die Ausläufer der Rocky ­Mountains, unweit des Purgatoire Rivers, in der Nachbarschaft von Trinidad und nicht weit entfernt von Boulder in Colorado wagten am 3. Mai 1965 Gene Bernofsky, seine Frau JoAnn, Clark Richert und Richard Kallweit – die oben bereits erwähnten Studenten der Kansas University – den ersten Schritt in diese Richtung. Für 450 US-Dollar kauften Gene und JoAnn Bernofsky sieben Morgen unwirtliches Land. Voller Enthusiasmus, Hoffnung und Idealismus wollten sie einen Ort der Gemeinschaft aufbauen. Vereint wandten sie der konservativen Gesellschaft und den politischen Problemen den Rücken zu, um ihre Vision vom Leben zu realisieren. Diese Vision jedoch war bereits zu jenem Zeitpunkt unterschiedlich. Richert träumte von einer produktiven Künstlerkommune, während Gene und JoAnn Bernofsky das ambitionierte Ziel hatten, gleich eine ganz neue Zivilisation zu gründen.
Der Zufall wollte es so, dass noch am Tag des Grundstückskaufs abends eine Vorlesung von Buckminster Fuller an der University of Colorado in Boulder stattfand. Dort erzählte Fuller von geodätischen Kuppeln, die zur ultimativen Behausung des Menschen werden sollten, und beeindruckte damit Bernofsky und Richert zutiefst. Überzeugt, dass die kosmischen Kräfte dies so gefügt hatten, beschlossen sie, als Wohnstätten eben diese Kuppeln zu bauen. Für sie als komplette Laien war ihre erste Kuppel ein wahrer Kraftakt, der darin mündete, dass sie hunderte von Kronkorken sammelten, um die abrutschende Dachpappe damit zu befestigen. Diese irrsinnige und sicherlich einmalige Idee verstärkte ihr Gefühl der Offenbarung, als sie endlich die erste Nacht in der Kuppel verbrachten. Das Licht- und Schattenspiel ließ sie – unterstützt durch Drogen – in eine andere Welt abgleiten. Sie fühlten sich wie im Weltall. Ihre Kuppel war mehr als nur ein bloßer Ort zum Wohnen, sie war Teil, so Richert, einer neuen Vision der Welt. Sie waren durchströmt vom psychedelischen Gefühl, mit ihrer Aktion nicht nur den kosmischen Kräften zu entsprechen, sondern sie vielmehr zu beeinflussen.

 

Foto Clark Richert

Leben als Dropper

Diese Kuppel wurde ihr erstes offizielles Dropping. Sich selbst nannten sie fortan Dropper. Denn bereits in ihrer gemeinsamen Studentenzeit entwickelten sie ein Kunstkonzept, dass sie Drop Art tauften, da sie wörtlich (Kunst-)Gegenstände aus ihrem Loft herunterfallen ließen. Bemalte Steine fielen so in die Nähe von Passanten oder sie drapierten ein anderes Mal ein Frühstück auf dem Gehweg, als sei es vom Himmel gefallen. Anschließend beobachteten sie die Reaktionen des zufälligen ­Publikums, das so zum Teil ihrer Kunst wurde. Mit diesen von Allan Kaprow und Robert Rauschenberg beeinflussten Kunstaktionen widersetzten sie sich dem elitären und auf Profit ausgerichteten Kunstsystem. Kunst und normale Menschen führten sie in Kansas zu einer Symbiose. Als Dropper in Drop City wiederum machten sie keinen Unterschied mehr zwischen Kunst und Leben. Jeder war hier ein Künstler und alle Tätigkeiten waren Kunst. Beginnend beim (Über-)Leben bis hin zur Architektur.
Konsequent erprobten sie in Drop City ein anderes Lebensmodell. Offen und frei sollte es sein, und gleichzeitig als Brutstätte funktionieren, um ihre idealistische Lebensweise auf die amerikanische Gesellschaft zu übertragen. Mit dem hohen Ziel, eine wahre Gemeinschaft zu sein, negierten sie jegliche Festlegung von offiziellen Regeln. Entscheidungen wurden basisdemokratisch getroffen, es gab keine Hierarchien. Sie akzeptierten jeden Neuankömmling, sofern er bereit war, sowohl materiellen als auch finanziellen Besitz aufzugeben und für die Gemeinschaft freizugeben. Um vom Diktat der Arbeit frei zu bleiben, ging keiner der Bewohner einer geregelten Erwerbsarbeit nach, wodurch Geld zur Mangelware wurde. Spendenaufrufe sowie gelegentliche Einnahmen durch Vorträge und Kunstverkäufe brachten ihnen immer wieder ein paar Dollar ein. Aus dieser Not heraus entwickelte sich das Recycling als eine der grundlegenden Einstellungen Drop Citys. Wurde ein Haus in der Umgebung abgerissen, waren sie da, um die Reste zu sammeln. Warfen die Supermärkte ihre Lebensmittel in die Tonne, waren sie da und suchten Verwertbares heraus. Der Müll der amerikanischen Gesellschaft wurde ihre Ressource. Spöttisch „Dump City“ genannt, war ihnen ihr Schrottplatz ein Paradies.
Es war aber weniger ihre provokante, gegen den Kapitalismus gerichtete Lebensweise, die zum Popularitätsgewinn von Drop City beitrug, als vielmehr die extravaganten Bauwerke. Sie wirkten innerhalb der tristen Landschaft so fremd, dass sie nicht selten mit gelandeten Ufos verglichen wurden. Diesen typischen Anblick verdankten die Dropper dem Erfinder Steve Baer. Im Geiste verwandt mit Buckminster Fuller entwickelte er eine Bauweise für geodätische Kuppeln, die nachhaltig und kostengünstig war und somit großen Anklang in Drop City fand. Die Kronkorken als Hilfsmittel wurden zugunsten von Autodächern ad acta gelegt. Auf den diversen umliegenden Schrottplätzen begannen sie in schweißtreibender Handarbeit, mit Äxten, Dächer aus Schrottfahrzeugen zu hacken. In passende Form geschnitten, konnten die Paneele in die hölzerne Grundstruktur der Kuppeln eingesetzt werden.
Die architektonische Hauptattraktion und der Ausdruck des Gemeinschaftslebens wurde ein Gebäude mit dem geometrischen Namen Rhombenikosidodekaeder, von den Bewohnern später schlicht „Complex“ getauft. Dabei handelte es sich um drei Kuppeln, die zu einer großen Struktur zusammen schmolzen. Es entstand ein geräumiger Innenraum, der sich in drei runde Erker unterteilte. Decken und Wände, aber auch die Einrichtungsgegenstände, waren schnell übersät mit der Malerei der Dropper. Von außen prägten das Erscheinungsbild die farbigen Autodächer, die unter Aufsicht von Richert und Kallweit so angeordnet wurden, dass sich Muster wie Sterne und Würfel ergaben.
Die harte körperliche Arbeit dominierte die ersten zwei Jahre in Drop City. Sie war es aber auch, die dem Leben dort einen Sinn, eine Aufgabe gab. Mit einem klaren, gemeinsamen Ziel vor Augen, in voller Fahrt und getrieben vom Idealismus schufen die Dropper eine Atmosphäre, die Richert bis heute als die produktivste Zeit seines Lebens ansieht.

Down the Rabbit Hole oder die ultimative Party

Es brauchte nur ein einziges Wesen, das die Gemeinschaft als seinen Steigbügel sah, eine Person, die mit einem aufgeblasenen Ego nach Reichtum und Ruhm drängte, um eine ganze Kommune zu zerstören. Mit ähnlich klaren Worten begründet Gene Bernofsky auch heute noch das Scheitern Drop Citys. Er hängt damit die Schuld des Zusammenbruchs der Gemeinschaft einer einzelnen Person an, die Drop City für ihre eigene Agenda genutzt haben soll. Die auch durch das Vertrauen in die Stärke der Vision von Drop City nicht auf Kurs gehalten werden konnte. Mit den gesetzten Segeln des Idealismus zerschellte so das schlussendlich naive Projekt an der „ultimativen Party“ – dem Joy Festival 1967.
Die utopischen Ziele der Dropper trafen den Nerv der Zeit. Die aufkeimende Hippiekultur und ihre meist jungen Sympathisanten erkannten die dort gelebten Ideen als mögliche Blaupause für eine neue gesellschaftliche Ordnung. Auf der anderen Seite stand eine amerikanische Gesellschaft, die dies als Angriff auf ihre Grundwerte wahrnahm und daher das Lebensmodell von Drop City verteufelte. Diese Polarisation führte aber vor allem dazu, dass die Bekanntheit der Kommune schnell zunahm. Anfangs kam nur die lokal ansässige Bevölkerung in der Manier von Touristen vorbei, um zu schauen, was die Aussteiger dort machten. Aber nach und nach nahm die lokale und auch die überregionale Presse Notiz von Drop City. Mit der steigenden Bekanntheit stieg auch die Zahl der Einwohner stetig an. Unter den Neuankömmlingen war auch Peter „Rabbit“ Douthit, damaliger Jazzkünstler und Beatpoet, der durch das Schreiben von bisweilen sehr provokanten Artikeln aktiv an der Verbreitung seiner Idee von Drop City arbeitete.
Um den Ruhm Drop Citys weiter zu steigern, schlug er der Gemeinschaft vor, zu einem Festival einzuladen. Diese Idee wurde kontrovers diskutiert und insbesondere von Gene und JoAnn Bernofsky strikt abgelehnt. Ungeachtet der Einwände veröffentlichte Peter Rabbit die Einladung zum Festival und verstärkte so einen Zwist, der zwischen einzelnen Bewohnern schon länger brodelte. Im „Summer of Love“ kamen daraufhin hunderte von Hippies nach Drop City und feierten eine dreitägige Party angefüllt mit Drogen, Musik und Sex.
Das Joy Festival stellte eine Zäsur dar. Gene und JoAnn Bernofsky verließen mit ihrer gemeinsame Tochter May unmittelbar nach dem Ende des Festivals entsetzt diesen Ort. Die familiäre und abgesonderte Arbeitsatmosphäre der Anfänge nahm zusehends ab. Nahezu niemand stieß mehr zur Gemeinschaft hinzu, um dort langfristig zu leben und sich einen Ort dafür aufzubauen. Vielmehr wurde die Kommune zu einem Durchgangslager für Hippies und Aussteiger. Die Vision einer neuen Gesellschaft wurde auf die stereotypen Ideen heruntergebrochen, dass man in Drop City nicht arbeiten musste und Drogen und Sex frei waren. Drop City, Droppings und Dropper wurden in der öffentlichen Wahrnehmung kaum mehr mit der ursprünglichen Kunstform in Verbindung gebracht, denn „drop acid“ war inzwischen ein gebräuchlicher Ausdruck geworden, um den Konsum von LSD zu bezeichnen. Hinzu kam auch Timothy Leary, der beim Human Be-In in San Francisco, dem Auftakt des „Summer of Love“, vor 30.000 Hippies die Worte „Turn on, Tune in, Drop out“ popularisierte. Das Bild Drop Citys verändert sich drastisch. Nach und nach schwand die kreative Energie und mit ihr verlegten die ursprünglichen Gründer ihren Lebensmittelpunkt an andere Orte.
Doch das Scheitern allein Peter Rabbit zuzuschieben, erscheint zu kurz gedacht. Das Joy Festival beschleunigte vielleicht eine Entwicklung, die es ohnehin gegeben hätte. Denn je mehr Leute zu dem Projekt hinzukamen, desto schwieriger gestaltete sich das Zusammenleben. Beziehungsstreit, die Bereitschaft, alles im gleichen Maße zu teilen, und divergierende Visionen trafen auch so aufeinander. Und schließlich zerteilte sich die Gemeinschaft in Splittergruppen. Obendrein gab es Probleme existenzieller Art und die gewünschte autarke Lebensweise ließ sich nicht lange aufrechterhalten. Das besiedelte Stück Land war äußerst unfruchtbar, weshalb Ackerbau hoffnungslos war. Die Bewohner waren immer stärker auf Essensspenden der lokalen Supermärkte angewiesen. Die Anwesenheit von Kindern stellte sich als überlebenswichtig heraus, da nur über diese der Zugang zu Essensmarken möglich war. Doch eine derartige Unterstützung des alternativen Lebensmodells stieß dem Staat sauer auf. Er versagte die Ausgabe der Essensmarken mit der Aussage, dass den Bewohnern von Drop City kein Recht auf Armut zustünde. Sie hätten ja schließlich alle studiert. Das politische System Amerikas wollte seine Provokateure nicht länger mittragen. 

Foto Clark Richert

Hangover

Mit Beginn der 1970er-Jahre endete die Geschichte von Drop City. Alle Bewohner waren gegangen, die Kuppeln verwaist und von der Romantik des Anfangs war nur die Fassade geblieben. Einige Jahre später wurde das Grundstück verkauft, der neue Besitzer planierte es und errichtete dort einen Parkplatz. Visuelle Spuren vor Ort sind nicht geblieben, dennoch ist Drop City ein historischer Meilenstein. Dies gilt gleichermaßen für die Bewohner als auch für die Gesellschaft. Denn jeder überzeugte Dropper hat auf diese intensiven Jahre seinen weiteren Lebensweg aufgebaut. Clark Richert zum Beispiel hat mit beinahe 80 Jahren und einer erfolgreichen Künstlerkarriere immer noch ein Faible für kollaborative Wohn- und Arbeitsprojekte. Gene Bernofsky wiederum hat das Scheitern seiner Ideale in Drop City reflektiert und seine Arbeitsweise angepasst. Er strebt nicht mehr danach, eine neue, bessere Zivilisation zu gründen, sondern die existierende Gesellschaft zu verändern. Als politischer Filmemacher führt er bis heute immer wieder pointiert vor Augen, an welcher Stelle Handlungsbedarf besteht. Steve Baer führte seine Experimente fort, entwickelt in seiner Firma Zomeworks diverse Bauteile, um regenerativen Energien allgemein nutzbar zu machen.
Die Kommune Drop City wiederum fand viele Nachahmer, da sie – insbesondere durch die Kuppelarchitektur – einer neuen Lebensart ein visuelles Äquivalent gab. Die gelebte Vermischung von Kunst und Leben in Kombination mit dem Hochhalten anarchistischer Ideen, dem Hang zum Pazifismus und der ländlichen Isolation brachte ihnen zusätzlich die Zuschreibung ein, Vorreiter der Hippiebewegung zu sein. Und dies, obwohl sich die ursprünglichen Dropper niemals als Hippies gesehen hatten. Das Konsumieren von Drogen und das Streben nach sexueller Freiheit, die archetypischen Symbole der Hippiebewegung, spielten in Drop City eine untergeordnete Rolle. Vielmehr war der Wunsch, gemeinsam etwas Neues zu schaffen, der Motor ihrer Aktivitäten.
Das desolate Ende Drop Citys war also nicht das Ende der ursprünglichen Ideen. Es gelang, etwas in Gang zu setzen, das selbst in diesem Jahrzehnt noch aktuell ist. Im Jahr 2014 gründete sich beispielsweise eine Galerie unter dem Namen Drop City und spielt damit in gleichem Maße auf den zum Scheitern verurteilten Idealismus und die Dezentralität des Projektes an. Letztendlich hat der Fotograf Jack Fulton also recht, wenn er Drop City mit dem Goldrausch vergleicht. Anstelle des Goldes wurde nach dem wahren Leben gesucht. Wenige fanden davon viel, andere nur einen Hauch.

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