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Wurzeln schlagen

Text Francisco Colaço Pedro Fotos Catarina Seixas

In einer der abgelegensten Regionen Portugals kauften Cat und Sam ein verwildertes Stück Land und ein verfallenes, altes Wohnhäuschen. Mit Hingabe und Sorgfalt erweckten sie das Kleinod zu neuem Leben und schufen ein Zuhause für sich und ihre Tochter J.

Als ich Cat zum ersten Mal traf, war ich jemand, von dem man sprach, jemand, der gerade von seinen Reisen durch Kontinente und über Meere zurückgekehrt war. In der Hektik Lissabons teilten wir Betten, Bücher und unsere Träume, wir diskutierten miteinander, gingen gemeinsam spazieren und auf Demonstrationen. Doch eines Tages kehrte sie der Stadt den Rücken und wurde selbst jemand, von dem man sich nun erzählt. Fünf Jahre sind seit dieser Zeit vergangen. Ich besuche Cat auf ihrem Stück Land in der Nähe von Idanha-a-Nova, das abgelegener nicht liegen könnte in diesem kleinen, rechteckigen Land Portugal. Cat lebt hier nicht allein, sondern mit ihrem Lebensgefährte Sam und ihrer drei Jahre alte Tochter J. Hund Serra, Katze Bakunin und die drei Hühner Caramelo, Alice und João leisten ihnen Gesellschaft, auch ein paar Frösche, Salamander, Würmer, Marienkäfer, Hasen, Bienen, Elstern und Spechte leben hier.

Es ist später Abend und wir sitzen zusammen auf einem großen Felsbrocken mitten auf dem Grundstück. Das Aufnahmegerät zeichnet unsere Stimmen auf, die in diese Neumondnacht fließen und wir genießen das abendliche Vogelkonzert.
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„Die Leute haben diese verklärte Vorstellung, dass das Leben auf dem Land einfach, ruhig und langsam ist. Doch das ist es nicht“, erzählt sie. Und so meint sie es auch. Es ist mein dritter Besuch und bisher traf ich Cat und Sam ausschließlich bei der Betreuung ihrer Tochter, beim Kochen, der Arbeit am Computer, beim Stricken, dem Bewässern des Gartens, dem Säubern des Waldes oder dem Aufbauen von Steinwänden an oder ging ihnen dabei zur Hand. „Einiges hier ist wirklich hart und die Wetterextreme treffen dich hier viel direkter. Wenn es heiß ist, ist es einfach schrecklich heiß, wenn es kalt ist, dann wirklich kalt. Dazu kommt die körperliche Arbeit: Holz hacken, Schubkarren voller Erde und Exkremente schieben, den Garten beackern… Einfache Arbeiten können komplex und zeitraubend werden. Ein Beispiel dafür ist das Duschen: Die meisten Menschen öffnen den Wasserhahn und sofort fließt heißes Wasser. Hier bekommen wir unser Wasser aus einer tiefen Grube, müssen es erhitzen, in die Duschwanne gießen, in den Baum hängen und dann noch etwas finden, um das Wasser für die weitere Nutzung während des Duschens wieder aufzufangen. Mit jedem Tun geht hier ein Abwägen einher.“
Was Cat und Sam machen ist so simpel wie revolutionär: Sie lernen, lokal zu leben, sie versuchen, ihr Essen selbst anzubauen, ihre eigene Medizin herzustellen und ihren eigenen Zufluchtsort zu schaffen.

Links von uns liegt das kleine Häuschen. J. schläft dort gerade tief und fest. Die Granitwände sehen aus, als stünden sie hier seit Anbeginn der Zeit. Für ein halbes Jahrhundert war das kleine Haus verlassen. Als sie es fanden, war das Dach längst eingefallen und im Inneren wuchsen Bäume. Einst lebten auf den gerade einmal 24 Quadratmetern neun Menschen. Auf dem Felsbrocken, auf dem wir gerade sitzen, so wird mir erzählt, sang und tanzte früher ein kleines Mädchen, um sich mit ihren Freunden unten im Tal zu verständigen. Sam und Cat schaffen hier nicht nur einen Ort für sich: „Wir bauen etwas wieder auf, das bereits bestand, und versuchen, die Arbeit und das Leben der Menschen, die hier zuvor lebten, zu würdigen.“ Ein ganzes Jahr arbeiteten sie am Wiederaufbau. Die bemoosten Steine, aus denen die alten Wände errichtet waren, mussten gefeilt, Gestein gebrochen, um den Boden zu ebnen, und ein nagelneues Dach installiert werden. „Vieles davon hat Sam gemacht oder wir zusammen. Doch wir konnten es nicht ganz alleine bewerkstelligen. Unsere Gemeinde half uns beispielsweise beim Aufstellen des großen Dachbalkens. Wenn ich das Haus ansehe, dann erinnere ich mich an all die helfenden Hände, an Nachbarn und Freunde, die uns unterstützt haben – und das macht diesen Ort einzigartig“, sagt Cat.

„Es ist etwas ganz Besonderes, jeden Winkel deines Zuhauses zu kennen. Jeder Zentimeter beinhaltet eine greifbare Erinnerung. Jedes noch so kleine Teil kannst du gedanklich nachbilden, denn in jedem Detail steckt so viel Arbeit. Du kennst jeden Riss, der irgendwann zu einem Problem werden könnte, und weißt, wie du ihn im Fall der Fälle kitten kannst. Ein Haus, das du selbst baust, ist nicht einfach nur ein Haus, es ist ein Symbol für Zeit, Hingabe und Sorgfalt. Es entwickelt sich zusammen mit dir.“ Diese Zeilen schrieb mir Cat an dem Morgen, an dem sie zum ersten Mal unter ihrem neuen Dach aufwachte. Es war „der Höhepunkt einer einjährigen Reise, ein Gähnen und Strecken am Morgen voller Selbstermächtigung und ein klares ‚Wir schaffen das!‘“

Die Kraft des Tuns

Cat wuchs in der kleinen Stadt Évora auf. Gelegentlich besuchte sie das Dorf ihrer Großeltern inmitten der Berge von Beira Baixa. Dort, in Casas da Zebreira, widmete sie sich ihrer langwährenden Sehnsucht nach einer Einsiedelei. „Ein oder zwei Jahre fort sein. Essen selbst anpflanzen. Dinge in der Natur pflücken.“ Doch zunächst ging sie nach Lissabon und studierte bildende Kunst. „Ich habe meine Zukunft nie dort gesehen, dennoch liebte ich es in der Stadt, die Strömungen, die vielen neuen Eindrücke. In Lissabon traf ich Menschen, die ein Leben lebten, das nah an das herankam, das ich für mich wollte, zudem in derselben Region. Ich fühlte mich inspiriert und sah, dass mein Traum wahr werden könnte. Es war die Stadt, die all dies möglich machte.“ Eines Tages im Frühjahr traf sie Sam. Im Sommer, in dem Monat, in dem sie ihr Studium abschloss, sagte Cat der Stadt auf Wiedersehen und gemeinsam zogen sie aufs Land. So begann es: zwei Menschen, für zwei Jahre, in einem Dorf mit nur 20 Menschen, mit 2000 Euro Budget. „Damals klang das nach einem Vermögen!” Ein kleiner alter Stall, in dem einst Kartoffeln lagerten und Bullen schliefen, wurde ihr neues Zuhause. Ein halber Hektar terrassenförmiges Land wurde zu einem fruchtbaren Permakulturgarten. „Ich erinnere mich gut an die Leichtigkeit dieser Zeit: ein Leben ohne viele Sorgen. Die Isolation. Das Experimentieren. Wir empfanden die ‚Kraft des Tuns‘ ganz anders als in der Stadt, in der man von Menschen und Ressourcen umgeben ist. Alles von Anfang bis Ende von eigener Hand geschaffen zu haben, gibt sehr viel mehr Zufriedenheit. Die meisten Dorfbewohner waren über 70, und alle kannten Cat noch als kleines Mädchen. „Ich war an einem Ort, an dem ich mich zu Hause fühlte.“ Nachbarin Alexandrina, die noch nie das Meer gesehen hat, wurde zu ihrer „guten Fee“. „Sie hatte einen grünen Daumen: Alles was sie pflanzte, gedieh prächtig. Sie war unsere erste Mentorin und brachte uns viel über das Gärtnern und die traditionelle Medizin bei.“ Cat begann, das Königreich der Pflanzen zu studieren und beschäftigte sich mit der lokalen, traditionellen pflanzlichen Medizin der Bioregion. „Wir hatten so viel zu lernen von diesen Menschen! Aber etwas fehlte. Damals dachten wir, dass andere junge Menschen unserem Beispiel folgen würden. Aber es kam nicht so, wie wir vermutet hatten.“ Eines Abends im Herbst wurde J. in dem kleinen Stall geboren. Mit ihr stieg die lokale Bevölkerung auf 21 Bewohner an und das Durchschnittsalter sank beträchtlich. Die Zeit für ein neues Kapitel war gekommen. „Unser Bedürfnis nach Bewegung und sozialen Kontakten mit Menschen in unserem Alter und mit unseren Interessen war zu groß geworden.“ Ein lokaler Tauschtag für Samen und Pflanzen brachte sie an einen Ort, der noch weiter nördlich und östlich lag. Und so war es um sie geschehen.

Frischer Wind

Bewegung ist nicht gerade das erste Wort, das mir in den Sinn kommt, wenn ich hier hinkomme. Ich befinde mich 25 Kilometer von der spanischen Grenze entfernt und der Blick ist atemberaubend: alte Olivenhaine, ruhige, goldene Felder und beständige Dörfer aus Stein. Während der letzten Züge des faschistischen Regimes in den 1960er- und 70er-Jahren floh die Generation unserer Eltern aus den ländlichen Regionen in die Küstenstädte oder das finanzstarke Europa. Wäre die ländliche Region ein Floß, wie der Schriftsteller José Saramago es ausdrückte, wäre es einfach gekentert. Heute – abgesehen von der Zeit, in der das Boom-Festival hier stattfindet – findet man in Idanha-a-Nova die älteste Bevölkerung Portugals: Von zehn Menschen ist einer über 85 Jahre alt. Cat und Sam machten sich auf eine lang andauernde Suche nach einem Stück Land, rannten den Traktoren der Bauern hinterher und verbrachten viel Zeit in Cafés. „Du kaufst auf der Basis deiner Vorstellungskraft. Es bedarf deiner Kreativität, sehen zu können, was an einem Ort entstehen kann“, bemerkt Cat. Sie listeten auf, welche Wünsche sie für ihr Stück Land hatten: eine Wasserquelle, ein Wald, Obstbäume, andere Kinder in der Umgebung, ein großer Felsbrocken, eine Ruine… Doch alles, was sie fanden, stellte sich als wesentlich zu kostspielig heraus. Eines Tages, als sie die Hoffnung schon fast aufgegeben hatten, riet ein Freund ihnen, sich mit jemandem zu treffen, der ihnen wiederum erzählte, dass sie jemand anderen treffen sollten. Nachdem dieser ihnen drei Orte gezeigt hatte, erinnerte sich der Mann: „Eigentlich gibt es da noch ein weiteres Stück Land, gar nicht weit entfernt“. „Wir gingen den Hügel hinauf und es war wie in einem Dschungel. Wir konnten nichts sehen.“ Inmitten der wuchernden Silberakazien fanden sich Olivenbäume, eine Wasserquelle, ein großer Felsbrocken und eine Ruine. „Wir hatten ein gutes Gefühl, etwas rührte sich in uns”. Später fanden sie heraus, dass 25 der 26 Punkte ihrer Liste erfüllt waren. Sie trafen sich mit der Besitzerin. Es war eine alte Dame, die einst als kleines Mädchen auf einem Felsbrocken zu singen und zu tanzen pflegte, um sich mit ihren Freunden unten im Tal zu verständigen. Die alte Dame sagte ihnen, sie sollten einen Preisvorschlag machen. „Wir boten direkt alles, was wir hatten. Und sie sagte ‚Ok, ihr könnt sofort einziehen’”. Jedes Jahr kommt sie nun vorbei, zeigt ihnen alles, was dort ist und ehemals war, schaut sich die Veränderungen an und erzählt neue Geschichten. So wie die Geschichte von dem einen Sommer, als alle unter freiem Himmel schliefen und die Mutter draußen auf dem Feuer kochte. Oder als ihre Mutter sich auf den Felsenbrocken stellte, um in das Tal zu rufen und zu fragen, ob der Ofen in der Gemeinde am nächsten Tag frei wäre, um Brot zu backen.

„Es relativiert mich als Person, wenn ich darüber nachdenke, dass wir nur eine weitere Generation sind, die an diesem Zuhause und diesem Land vorüberzieht, es liebt und betreut. Es ist etwas sehr Seltsames an dem Gefühl, Land zu besitzen. Wie kann dieses Land meines sein? Wie viele Menschen und Kulturen haben ihren Fuß auf dieses Land gesetzt?“, fragt Cat. „Die Vorstellung ist überwältigend!“ Cat und Sam sind von den Menschen und Familien der Umgebung willkommen geheißen worden. „Verglichen mit unserer vorherigen Wirklichkeit ist dies wie eine Metropole!“, lacht Cat. Es ist eine dieser ländlichen Regionen Portugals, in der sich viele Menschen aus dem Ausland niedergelassen haben. Auf Grundstücken rund um das „portugiesischste Dorf Portugals“ leben heute Deutsche, Israelis, Briten, Niederländer oder Italiener. „Manchmal gibt es hier zwei getrennte Gemeinschaften: die Zugezogenen aus dem Ausland und die lokale Bevölkerung. Ich befinde mich irgendwo dazwischen, denn ich wurde in Portugal geboren, bin aber dennoch eine Zugezogene. Unter den neuen Siedlern finden sich nur wenige Portugiesen.“ „Die Strände, das Klima, der Preis… So viele möchten in Portugal leben. Solange bis sie feststellen, dass es nicht so einfach ist, dass die Sahara sich ausweitet und das Land jedes Jahr ­trockener wird. Manchmal kommt es zu einem Realitätsschock, zumeist für diejenigen, die ihr Grundstück mithilfe einer Agentur kaufen. Die Fotos im Internet zeigen die Grundstücke während des Führjahrs!“

„Viele kommen mit einer Attitüde von ‚Ich weiß, was hier benötigt wird, lass uns eine Permakultur aufbauen, denn die Leute hier wissen nichts‘ oder ‚Lass uns endlich diese heruntergekommene Scheune in etwas Bewohnbares verwandeln’. Doch einst war dies ein Zuhause. Und wir versuchen zu ermöglichen, dass es ist, was es einmal war und immer sein sollte: ein Lebensraum, geschaffen aus Stein, mit Arbeit und Liebe.“ Cat ärgert sich über diejenigen, die ein Grundstück als Investition sehen, es kaufen, um es später wieder zu verkaufen. „Dieser Blick auf die Erde als eine lukrative Ressource… Viele denken nicht über die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen nach. Ihr Handeln lässt die Preise in die Höhe steigen. Es gibt so viele junge Menschen, die gern ein Stück Land in dieser Region kaufen würden, um hier zu leben. Viele können es sich aber einfach nicht leisten.“ Cat erinnert sich an den Leitspruch der Landreform, die auf die Nelkenrevolution von 1974 folgte: „‚Boden für diejenigen, die ihn bewirtschaften!‘ Man kann nicht mehr Land schaffen. Wenn du Boden besitzt und Sorge für diesen trägst, ist dies ein Gefallen, den du der Erde selbst tust.“ Und sie überträgt das, was sie hier rund um die Hügel sieht, auf den zunehmenden Tourismus und die Gentrifizierung in unserem geliebten Lissabon, in dem immer mehr Menschen nicht in der Lage sind, die steigenden Mieten zu bezahlen. Sie zitiert, ohne es zu wissen, den Slogan des Mietshäuser-Syndikats: „Die Häuser denen, die drin wohnen!“

Lokales Leben, soziale Netzwerke

„Ich werde mich vermutlich niemals daran gewöhnen, dass mir auf Instagram mehr Menschen folgen als Bewohner in dem Ort leben, in dem ich aufgewachsen bin. Wir sind hier am Ende der Welt, wir können einen ganzen Tag an uns vorbeiziehen lassen, ohne überhaupt jemanden zu treffen. Doch wenn ich etwas veröffentliche, dann sehen es plötzlich mehr als 30.000 Menschen.“ Während ihrer Zeit in Casas da Zebreira entschied sich Cat dazu, das soziale Netzwerk zu nutzen, um die Isolation zu durchbrechen und andere Menschen zu finden, die dasselbe taten wie sie. Und genau das geschah. „Wir teilten, was wir lieben, auf eine authentische und ehrliche Weise. Das öffnete uns Türen, die sonst verschlossen geblieben wären. Ich mag die Welt der Likes und Audiences nicht sonderlich, doch ich kann das alles gut ausblenden, weil sie niemals mein Ziel waren. Das letzte, was ich möchte, ist, dass mein Leben verherrlicht oder angehimmelt wird. Ich habe Menschen kennengelernt, die ich bis heute als Freunde betrachte, aber niemals im realen Leben getroffen habe. Und diese zwischenmenschlichen Beziehungen waren mir immer wichtiger als die Zahl der Likes oder Follower.“

Ein Beispiel dafür ist Florine, eine Freundin aus dem französischen Larzac, die vor drei Jahren auf einen Besuch vorbeikam und ihr beibrachte, nach Mustern zu stricken. Seitdem greift Cat jeden Tag zu den Nadeln und fand so eine künstlerische Ausdrucksform. „Ich erkannte, dass es mir Stärke und Selbstbewusstsein gibt, Kleidung für mich und meine Familie herstellen und kreativ sein zu können, mit reiner Wolle zu arbeiten und auf diese Weise einen Beruf zu unterstützen, der im Begriff steht, auszusterben: der Schäfer.“ Ihr Studium der Kunst und Fotografie sei ein Privileg, sagt Cat. „Vielen Menschen ist es nicht möglich, diese Fächer zu studieren, denn eine sichere berufliche Zukunft können sie nicht gewährleisten. Meine Eltern waren finanziell gut aufgestellt, so dass sie mir erlauben konnten, mich auszuprobieren und zu scheitern.“ Mit der großen Zahl der Menschen, die ihr im Netz folgen, geht eine Verantwortung einher. „Plötzlich ist es so, dass meine Posts das Leben anderer Menschen beeinflussen. Wenn man eine Plattform und eine Stimme hat, ist es unverantwortlich, diese nicht zur Unterstützung sinnvoller Bewegungen und Kämpfe zu nutzen. Als ich noch in der Stadt lebte, war ich in den unmittelbaren Aktivismus involviert. Nachdem ich in die Berge gezogen war, lebte ich die Dinge, für die ich in der Stadt gekämpft hatte. Doch ausschließlich in einem sehr privaten Bereich, so dass ich niemanden mehr beeinflusste. Mit meiner Stimme im Internet nehme ich wieder am Aktivismus teil, schließe auf diese Weise den Kreis und fühle mich vollständiger.“ Die sozialen Medien waren es auch, die ihr die Möglichkeit gaben, abgeschieden zu leben und gleichzeitig Geld zu verdienen. Lange Zeit strauchelten sie in finanzieller Hinsicht, lebten von einem Tag in den nächsten. Cat verkaufte ihr Kunsthandwerk im Netz, Sam arbeitete als Tischler. „Wir hatten gerade genug Geld, um über die Runden zu kommen, aber nicht, um Material für unser Haus zu kaufen.“ Doch dann begann Cat, im Social-Media-Bereich zu arbeiten. „Das änderte alles. Plötzlich haben wir Raum zum Atmen. Und ich weiß, dass es in Ordnung ist, unser Geld zu verwenden, denn im nächsten Monat werde ich neues verdienen.“
„Was auch immer für mich im nächsten Kapitel passieren wird, es wird mit Wolle zu tun haben“, sagt Cat. Ihr Plan ist, mit den Schäfern der Gegend zusammenzuarbeiten, um Fäden zu produzieren und gegebenenfalls eine Kooperative zu gründen. Eines Tages möchte Cat eigene Schafe hüten, sie scheren und ihre Wolle spinnen. „So viele von uns sind auf das Bauen von Häusern, auf das Erfüllen unserer Grundbedürfnisse fokussiert, dass wir keine Zeit finden, uns auf unser Leben und unsere Träume zu konzentrieren. Ich bin gespannt, wie es in zehn Jahren sein wird, wenn wir alle unsere Häuser haben, unser heißes Wasser, unsere produktiven Gärten, jede Menge Obstbäume und Tiere für Milch und Käse. Die Zukunft ist ungewiss. Vielleicht haben wir gerade einmal elf Jahre bis der Klimawandel zum gesellschaftlichen Kollaps führt.“ So abgeschieden wie nur möglich in diesem kleinen rechteckigen Land, ist man dennoch nicht vor den Auswirkungen des Wirtschaftswachstums sicher. Die Gier nach Lithium, das für Smartphones, Elektroautos und die unzähligen Batterien des grünen Kapitalismus notwendig ist, breitet sich in Portugal aus. Bergbaufirmen haben die Prospektion in der Region bereits begonnen. Auch wird eine neue Autobahn geplant, welche die Fahrtzeit zwischen Lissabon und Madrid um etwa 30 Minuten verkürzen soll. „Sie führt buchstäblich an unseren Häusern vorbei“, sagt Cat. „Wenn diese Pläne voranschreiten, kann ich versichern, dass hier niemand ruhig bleiben wird.“

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