Seite auswählen

Monrovia

Interviews, Text und Fotos Heike Pirngruber

Fünf Menschen leben an demselben Ort – sie alle haben ihre eigene Geschichte, erzählen von ihrer Perspektive auf die Stadt, in der sie leben.

Eine vergessene Hauptstadt an der Küste Liberias. Abgestempelt von der Außenwelt als Kriegsgebiet und mit Ebola verseucht. Doch die Realität ist heute ganz anders. Der Bürgerkrieg ist lange vorbei und Ebola längst unter Kontrolle. Laut ist es hier, zudem chaotisch. Die Stadt platzt aus allen Nähten. Die Slums verteilen sich auf mehrere Stadtgebiete. Die Märkte sind voller Leben. Eine sehr geschäftstüchtige Stadt. Die Bettler stehen Schlange vor den gut sortierten Supermärkten, in denen Expats aus aller Herren Länder teuer ihre Produkte aus der Heimat einkaufen. Die Regenzeit setzt die Straßen regelmäßig unter Wasser. Der Verkehr kommt oft zum absoluten Stillstand. Tuk Tuks werden hier Kekeh genannt und beherrschen die Straßenszene; ab und an sieht man sie – in den tiefen Löchern des Asphalts stecken geblieben – die Straße blockieren. Hupkonzerte sind die Folge. Wie so oft sind auch hier die Ärmsten diejenigen, die am natürlichsten und freundlichsten sind. Die angenehme Art der Menschen begeistert mich. Langeweile kommt für mich hier keine auf. Geleckte Bürgersteige, auf denen man entspannt schlendern kann, suche ich vergeblich. Auch gibt es keine Cafés, in denen westliche Gemütlichkeit aufkommt. Stattdessen genieße ich kleine Bretterbuden, in denen ich auf klapprigen Holzbänken sitze und einen Tee mit viel Zucker für 20 Cent bekomme. Dabei versuche ich, das mit einem starken afrikanischen Akzent versetzte Englisch des Mannes am Nachbartisch zu verstehen. Gestylte Frauen in Miniröcken. Im starken Kontrast dazu, Damen, von denen ich nur die Augen sehe, da sie sich in schwarzen Nikabs kleiden. Moscheen und Kirchen verteilen sich über die ganze Stadt. Der Glaube ist großer Bestandteil des Lebens.

___STEADY_PAYWALL___

Mohammed

wurde in Guinea geboren. Seit 30 Jahren arbeitet er in Monrovia als Schneider.

Eigentlich erwartet man, dass es besser wird, doch wir gehen rückwärts. Ich arbeite nun seit 30 Jahren in unserer Schneiderwerkstatt. Vor dem Krieg ging es uns gut, denn damals habe ich deutlich mehr verdient als heute. Wie jeder sehen kann, ist die Stadt in einem schlechten Zustand. Ich glaube nicht, dass ich persönlich an der Situation etwas ändern kann, aber vielleicht geht es eines Tages wieder aufwärts.
Monrovia erlitt während des Krieges große Schäden. Es gab keinen Strom, kein fließendes Wasser. Wir mussten Regenwasser trinken. Wir konnten nicht arbeiten und nirgendwo hingehen. Es war schrecklich. Viele Menschen starben und viele haben alles verloren.
Der Krieg ist nun mehr als zehn Jahre vorbei und bis heute haben wir als Hauptstadt keine zuverlässige Wasserversorgung für alle. Das Stromnetz ist weiterhin instabil. Unser Geld war vor dem Krieg deutlich mehr wert, jetzt ist alles teurer. Deshalb sage ich, dass wir rückwärts gehen. Allerdings hat der Krieg uns sehr geprägt. Wir haben viel durchgemacht und dabei viel gelernt. Das hat uns gestärkt und es hilft uns, mit der derzeitigen Situation umgehen zu können.
Gut ist, dass Muslime und Christen miteinander auskommen. Es gibt keine Probleme mit der Religion, denn wir alle verstehen, dass wir an einen Gott glauben. Religion ist mir wichtig, ich glaube, Gott hat mich hier hergebracht. Vielleicht werde ich eines Tages, wenn die Zeit reif ist, nach Guinea zurückkehren. Aber ich habe hier eine sehr große Familie.

Tom

stammt aus Belgien und arbeitet in Monrovia für eine Non-Profit-Organisation.

Ich hatte mir Monrovia schlimmer vorgestellt, als es in Wirklichkeit ist. Mein Weg zur Arbeit ist allerdings ein Abenteuer, wobei man sagen kann, dass alles in Monrovia ein Abenteuer ist. Doch genau das macht die Zeit hier für mich so interessant. Das größte Problem sind die Straßen: Teilweise fehlen die Kanaldeckel. Nachdem die Wege durch den Monsun nahezu täglich überflutet sind und man dadurch die Löcher nicht sehen kann, bleiben die Kekehs, die kleinen Taxis, immer wieder stecken und blockieren den ganzen Verkehr. Ein Glück, dass ich außerhalb arbeite, in der Natur. Am liebsten würde ich auch dort wohnen, aber meine Firma erlaubt es nicht. Angeblich gibt es dort zu viel Kriminalität. Früher habe ich mich über Leute lustig gemacht, die hinter Stacheldraht und mit Security-Personal in einer Art Gefängnis ihr Leben führen und heute lebe ich selbst so. Allerdings fühle ich mich in Monrovia nicht bedroht, es gibt nur keine Wohnalternativen. Entweder du wohnst hier in einem Nobelgetto oder du lebst wie die Afrikaner. Mittelklasse gibt es nicht.

Odell

lebt mit ihrer Familie im Coconut Slum.

Ich lebe im Slum mit Blick aufs Meer und darf hier umsonst wohnen. Der Coconut Slum ist eine Gemeinschaft und die meisten Bewohner sind freundlich. Unser Wasser holen wir aus einem Schwimmbad, das mit Tankwagen von außerhalb der Stadt einmal in der Woche aufgefüllt wird. Trinkwasser kaufen wir in Plastikbeuteln, pro Tag für jeden einen. Früher haben wir dreimal am Tag gegessen, heute nur noch einmal. Die Latrinen teilen wir mit dem ganzen Slum. Es gibt vier Löcher für die Frauen, vier für die Männer. Doch sind wir 5000 Leute. Mit dem Meerwasser spülen wir nach. Meine Enkel gehen in keine Schule, denn im Slum gibt es keine. Am schlimmsten ist es, wenn sie krank sind und ich nur ­Tabletten auf der Straße kaufen kann oder in der Apotheke. Für das Krankenhaus haben wir kein Geld. Gott sagt, wir sollen nicht aufgeben. Ich lese daher sehr oft in der Bibel, es hilft mir und gibt mir Hoffnung. Das Gute ist, die Stadt entwickelt sich weiter: Dort wo keine Straßen waren, gibt es heute welche. Unser neuer Präsident ist gut für uns. Doch als ich klein war, hatten wir es viel leichter. 1980, vor dem Krieg und vor Ebola. Wir hatten Strom und wir hatten Jobs. Mein Mann hat seit zwei Jahren kein geregeltes Einkommen. Wir alle suchen jeden Tag Arbeit, nehmen an, was wir bekommen, egal wie wenig Geld wir dabei verdienen. Als Eltern möchten wir das Beste für unsere Kinder und so geht es der ganzen Coconut Gemeinschaft.

Firmin

kommt von der Elfenbeinküste und ist Pfarrer einer katholischen Gemeinde.

Vieles hat sich seit meiner Ankunft im Jahre 2008 verbessert. Am meisten fehlt mir jedoch noch immer das Essen meiner Mutter. Seit ich mein geistliches Amt in unserer Mission hier am Rande der Stadt übernommen habe, wurden nach und nach Verkehrsampeln installiert. Doch wurden diese nicht in Stand gehalten und sind daher schon lange wieder außer Betrieb. Die Regierung versucht ihr Bestes, die vielen Herausforderungen zu meistern, doch wo setzt man die Prioritäten? Wir glauben, dass die Kirche einige der Lücken schließen kann. Das Land muss in seine Einwohner investieren, um das Leben und die Zukunft der Menschen verbessern zu können. Doch leider haben die Liberianer die Hoffnung verloren. Man muss sie regelrecht dazu drängen, etwas zu tun. Nur reden und nicht handeln bringt niemanden weiter. Da das staatliche Schulsystem sehr schlecht ist, möchten wir in die Kinder investieren, um dem Land eine Chance zu geben. Wir haben uns daher dazu entschlossen, eine Schule aufzubauen. Wir glauben, mit unseren Fähigkeiten den Kindern eine Hoffnung geben zu können und sie so zu erziehen, dass sie eine positive Zukunft haben werden. Wir haben der Schule Klassenstufen hinzugefügt und unsere Gemeinde von 40 auf 500 Seelen erweitert. Vielleicht sind wir auch irgendwann so weit, eine Kirche mit Fenstern unser Eigen zu nennen, denn es regnet hier sehr viel. Das braucht Zeit, vielleicht 20 oder 30 Jahre. Doch wir glauben an die Treue Gottes. Einmal im Jahr fahre ich nach Hause, um Mamas Kochkunst zu genießen. Frisch gestärkt und bereit für viele weitere Herausforderungen bin ich danach immer wieder froh, hier zu sein.

Victoria

ist Mutter von fünf Kindern und mit 47 Jahren bereits verwitwet .

Als ich klein war, lebten wir bei meinem Großvater im Slum. Meine Eltern waren gebildet und arbeiteten hart, damit wir etwas zu essen hatten. Für meine Mutter war es sehr wichtig, dass wir eine gute Ausbildung erhalten, daher schickte sie uns – wann immer ihr es finanziell möglich war – in die Schule. Im Slum zu leben war sehr schwierig. Es gab viel Neid und Missgunst untereinander. Immer wieder wurden Mädchen und Frauen misshandelt oder vergewaltigt. Meine Mutter trennte sich aus genau diesen Gründen von meinem Vater. Als im Jahre 1980 der Bürgerkrieg anfing, waren wir gezwungen aus Monrovia zu fliehen. Mit nur dem Nötigsten am Leib liefen und liefen wir und wussten nicht, wohin wir gingen. Die Rebellen hielten mich als einzige fest. Nackt, mit einem Messer an meinen Rücken gehalten, sollte ich hingerichtet werden. Doch durch großes Glück entkam ich in letzter Minute. Wir verbrachten viele Jahre in Freiheit in Guinea. Ich heiratete einen Senegalesen, ein guter und fürsorglicher Mann, wir bekamen fünf Kinder. Seit 15 Jahren bin ich nun Witwe, mein Mann verstarb an Diabetes. Ich liebe Monrovia und mein Land, daher kamen wir nach dem Krieg wieder zurück nach Hause. Ich arbeite heute für die Hilfsorganisation Plan International und gehe parallel dazu auf die Universität, um meinen Master zu absolvieren. 2005 wählte Liberia die erste weibliche Präsidentin Afrikas, Ellen Johnson Sirleaf, Friedensnobelpreisträgerin. Eine politische Heldin für uns Frauen. Wir müssen weiter für Gleichberechtigung kämpfen. Es werden noch immer viel zu viele Frauen misshandelt und vergewaltigt, auch viele kleine Mädchen.

Lies weiter...