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Höhlenleben

Text Fenja Sepers Fotos Adam O’Sullivan

Fenja tauschte ihr Leben in Amsterdam gegen ein Surfbrett, einen Koffer und den Plan, keinen Plan zu haben. Sie bereiste Teile Südamerikas, erfuhr neben vielen schönen Momenten auch einen schweren Verlust. Heute verbringt sie mehrere Monate im Jahr in einer Höhle an der marokkanischen Küste und lebt ein einfaches Leben im Einklang mit der Natur.

Als ich meinen tollen Job kündigte, meine Wohnung untervermietete und mein schönes Leben in Amsterdam hinter mir ließ, dachte wohl jeder in meinem Umfeld, dass meine Entscheidung drastisch sei. Zusammen mit meiner südamerikanischen Liebe wollte ich ein Experiment beginnen und mich auf die Suche nach einer anderen Möglichkeit begeben, durch das Leben zu navigieren.

So zu leben, wie es in den meisten modernen Gesellschaften gefordert oder in einigen weniger modernen Gesellschaften angestrebt wird, konnte nicht meine Antwort auf die Frage nach einem erfüllten Leben sein: ein Lebensstil, der sich hauptsächlich darum dreht, zu planen, Geld zu verdienen und dann wieder darum, dieses verdiente Geld zu nutzen, auszugeben und mit einem Haus oder einem gefüllten Bankkonto ein Gefühl relativer Sicherheit zu erlangen.

Ich fühlte mich gefangen, ich fühlte mich abgekoppelt. Neben der täglichen Routine, dem Geld, den Freunden und sogar meiner Familie musste es noch etwas Anderes, etwas Größeres geben. Außerhalb des Hamsterrades unserer schnelllebigen Gesellschaft, vermutete ich ein Leben voller Magie, Freiheit und Verbundenheit.

Das Experiment

Die Frage war: Ist es möglich, dass wir – ohne einen Plan und ohne Rücklagen als Absicherung – unsere Intuition und die Gegenwart den Verlauf von allem entscheiden lassen? Können wir uns von dem „Du musst dies tun!“, „Du musst jenes haben!“ und dem „Du musst Folgendes sein!“ befreien und von diesem Punkt aus zu neuen Wegen des Seins, der Navigation, dem Tun und dem Denken kommen?

In diesen Jahren, in denen wir uns in die östlichen und westlichen Philosophien vertieften, uns mit Meditation und Yoga beschäftigten, erkundeten wir verschiedene Arten des Lebens. Wir führten ein einfaches Leben auf dem Land in Uruguay und lernten die Bedeutung des „Buen Vivir“ kennen, einem Konzept der indigenen Bevölkerung der Anden. Als wahre Surfer bereisten wir einen großen Teil der südamerikanischen Küste in unserem limonen-grünen 1971er VW-Bus. Es folgte unsere Verlobung, ein gemeinsamer Trip in die Niederlande und sein Tod inmitten unserer Reise, der alles erschütterte.

„Ich habe erlebt, dass ein Verlust, der hundertprozentig und ohne Zugeständnisse angenommen werden kann, neben der tiefen Trauer und dem intensiven Schmerz, einem Gefühl von Leichtigkeit, Einsicht und Klarheit Raum geben kann.“

Dass die schlimmsten Dinge in unserem Leben zur selben Zeit auch die größten spirituellen Geschenke sein können, ist genau das, was ich während meiner Zeit der Trauer erfahren habe. Ich habe erlebt, dass ein Verlust, der hundertprozentig und ohne Zugeständnisse angenommen werden kann, neben der tiefen Trauer und dem intensiven Schmerz, einem Gefühl von Leichtigkeit, Einsicht und Klarheit Raum geben kann.

Eines Tages fuhr ich vom mexikanischen Festland zu einem Surfspot auf einer Halbinsel und stellte fest, dass ich nicht die richtige Ausrüstung für dieses spezielle Gebiet und diese Wellen mitgenommen hatte. Ich war ein wenig enttäuscht, hatte ich doch extra den langen Weg auf mich genommen. Gleichzeitig spürte ich, dass sich dieses Problem lösen, und dass Roberto etwas damit zu tun haben würde. Ein oder zwei Tage später traf ich zufällig auf einen Mann, der Surfbretter herstellte. Sein Name war Robert und genannt wurde er Roberto. Es stellte sich heraus, dass seine Firma „Las Tunas“ hieß, der Name des kleinen ecuado­rianischen Dorfes, in dem mein Roberto so viele Jahre gelebt hatte. Dort war nicht nur sein liebster Surfspot, sondern es war auch der Ort, an dem wir uns zum ersten Mal trafen. Und schließlich, als mir dieser Roberto eines seiner Surfbretter für die Zeit anbot, in der ich dort war, wusste ich, dass dies schon fast ein bisschen zu viel Fügung war. Oder vielleicht war es auch genau das, eine Fügung, und zwar in ihrer exakten Bedeutung: Eine Reihe von zufälligen Ereignissen, die scheinbar geplant oder arrangiert wirken. Im Laufe der kommenden Jahre halfen mir immer wieder Menschen, die denselben Namen trugen wie er. Dinge, die wir beide liebten und teilten, wie Wörter, Essen, Orte und Namen, tauchten im unwahrscheinlichsten Moment auf. Das Gefühl, dass jemand nach mir schaut, ist immer geblieben.

Seit dem Tag seines Todes bis heute habe ich Robertos Gegenwart immer gespürt. Es ist, als ob er mir etwas zuflüstert, vor allem, wenn ich traurig bin oder es mir nicht gut geht.

Und so bekam das Leben für mich eine ganz neue Bedeutung als ich erkannte, dass der Tod nur ein Übergang zu einer anderen Form der Existenz ist. Dass unsere Körper Teil von etwas Größerem sind, das unsere Augen nicht wahrnehmen können. Diese Erkenntnis gab mir neue Lebenskraft und ich halte sie für eine der größten und wertvollsten Lehren des Lebens. Doch dass sein Tod mich letztlich auf eine andere Reise schicken würde, zunächst zurück in die Niederlande und dann zum ersten Mal auf den afrikanischen Kontinent, habe ich nicht kommen sehen.

Aktuelle Ausgabe

Mehr Geschichten findest du in der aktuellen Ausgabe des NEST Magazins.

Das Aufeinandertreffen

Von Anbeginn der Zeit lebten Menschen in Höhlen. Schon immer haben mich Geschichten von Menschen fasziniert, die sich ihr Zuhause in Höhlen und natürlichen Behausungen einrichteten. Der bekannte Roman „Clan of the Cave Bear“ von Jean Marie Auel hat mich über Jahre in den Bann gezogen und vielleicht – wer weiß – hat mich genau diese Geschichte dazu angetrieben, eine solche Erfahrung selbst zu machen.

Während meiner ersten Reisen nach Marokko kam ich eines Tages in ein kleines Küstendorf. Es war bezaubernd: kilometerlange leere Strände, Höhlen und Felsen, die es zu erkunden gab, ein alter Wald mit Arganbäumen neben einem Berg, fantastische Wellen zum Surfen.

Ich war nach Marokko gereist, um ein neues Ziel zum Surfen zu finden. Ich wollte das freie Leben fortsetzen, das Roberto und ich geführt hatten, aber gleichzeitig näher an meiner Familie in den Niederlanden sein. Ich wollte herausfinden, wohin eine Kombination aus dem Stadtleben in Amsterdam und dem freien Surferleben führen würde. Während des holländischen Winters hat Marokko großartige Wellen, es liegt zudem nur einen Steinwurf von Europa entfernt und die Lebenskosten sind hier äußerst niedrig.

In jenem kleinen Küstendorf fand ich einen besonderen Menschen – Jamal. Er lebte in einer kleinen Höhle, die sich an eine Klippe am Rande des Ortes schmiegte.

Die Fischer lebten hier seit Jahrzehnten in den Höhlen bis die Regierung diese Lebensweise zu Beginn des Jahrtausends verbot. Doch im Süden Marokkos richten sich die Fischer auch heute noch in den Höhlen am Strand ein.

Inspiriert von dem bekannten und bedeutenden, berberischen Sänger Izenzaran, der selbst in einer Höhle lebt, und von seinem Onkel, der ebenfalls Jahre zuvor eine Höhle sein Zuhause nannte, entschied sich Jamal, diese Tradition fortzusetzen: „Um das Leben zurück zu den Felsen zu bringen, und weil jeder Bürger das Recht auf ein Zuhause und auf den Verdienst seines Lebensunterhaltes hat“. Denn beides ist in einem kleinen Fischerort im Süden Marokkos nicht selbstverständlich. Als Surfer, Fischer und ruhiger Mensch war es für ihn nur natürlich, diesen Schritt zu gehen. Er arbeitete weiter im Fischereigeschäft bis der Surftourismus seinen Weg in den kleinen Ort fand. Und so brachten ihn die Umstände dazu, seine eigene kleine Surfschule „Surf Jamal Tafedna“ aufzubauen, von deren Erträgen er heute leben kann.

In dem Moment, in dem ich von Jamal hörte, von dem Surfer, der in einer Höhle lebt, wusste ich: „Das ist jemand, mit dem ich Zeit verbringen muss.“

Leben in der Höhle

So kam es, dass wir uns trafen und feststellten, dass wir uns miteinander verbunden fühlten. Man kann eine solche Verbindung abstreiten – denn wir kannten uns noch nicht lange – oder einfach akzeptieren und ergründen. Seit drei Jahren komme ich nun immer wieder an diesen Ort. Wenn ich hier bin, teilen wir nicht nur die Höhle, unser Leben und unseren Lebensstil, sondern allem voran unsere Vision: Dass das Leben für uns da ist, damit wir alle auf unsere Art leben können, dass wir uns nicht zu sehr von den ausgetretenen Pfaden der Gesellschaft gefangen nehmen lassen sollten. Und neben unserer gemeinsamen Liebe für die Natur und den Ozean, glauben wir, dass ein Zwiegespräch mit der Natur uns Wahrheit bringen und Verständnis geben kann.

In einer Höhle zu leben, bedeutet ein einfaches Leben zu führen. Die Einrichtung besteht aus nicht viel mehr als einem Bett, ein paar Klamotten, Büchern und einem kleinen Tisch, auf dem ein wunderschöner, marokkanischen Wasserkrug und eine Schale stehen. Es gibt keinen Spiegel, in den wir schauen könnten. Es gibt ein paar Solarlampen, ein Solarmodul und eine Batterie, um unsere elektronischen Geräte zu laden. Falls wir tatsächlich einmal mehr Strom benötigen, hilft uns Jamals Familie im Dorf aus.

Es ist verblüffend, dass mir die moderne Technologie ermöglicht, in der Höhle zu arbeiten. Dann schreibe und gestalte ich an meinem Laptop, recherchiere oder lese. In der Nähe der Höhle befindet sich Jamals Basislager für das Surfen – ebenfalls in einer Höhle; Surfbretter, Neoprenanzüge und eine kleine Küche finden sich hier, davor liegt eine winzige Terrasse, von der aus man einen wundervollen Blick auf das Meer genießen kann. Hier dusche ich nach dem Surfen – draußen mit heißem Wasser aus dem Kessel, drinnen mit einem Eimer in einer kleinen Nische zwischen den Felsen.

Der Klang des Einfachen

Und auch, wenn dies für manchen zu primitiv und einfach klingen mag, glaube ich, dass das Interessante an dieser Art des Lebens ist, wie es unser Tempo und unsere Perspektive verlagert. Ein einfaches Leben bedeutet nicht einfach ein Leben mit weniger Kram, sondern vielmehr eine Entschleunigung hin zu einem Leben mit mehr Zeit für inspirierende Dinge: Natur, Schönheit, Achtsamkeit, Verbundenheit. Für mich bedeutete es sogar, dass ich meine Auffassung von Raum und Zeit veränderte. Denn im Kontrast zum linearen Zeitkonzept der modernen Gesellschaft gibt es hier in Marokko keine Istzeit in unserem Tag. Wir leben mit den Gezeiten, den Wellen, unseren Stimmungen und den Menschen, die vorbeikommen. Wenn die Bedingungen gut sind, gehen wir surfen, wenn die See ruhig ist, gehen wir fischen oder wagen uns mit dem Kajak hinaus. Wir fangen unser Abendessen, vielleicht einen Tintenfisch, oder bekommen etwas von den ortsansässigen Fischern. Jamal geht speerfischen oder freitauchen, ich mache einen Spaziergang oder sitze auf den Felsen, öffne mein Herz und meine Ohren der Natur und der Umgebung. Der Raum verändert sich durch Wind, Sonne, Regen und Hitze, Licht, Dunkelheit, Flut und Ebbe. Menschen kommen vorbei, gehen surfen, entspannen oder unterhalten sich. Es gibt Hunde, die für eine Weile bei uns leben und dann wieder verschwinden. Esel, Kühe und andere Tiere machen manchmal bei uns Halt. Gelegentlich häutet sich eine Schlange in der Höhle, ein Skorpion krabbelt über die Felsen, Vögel singen im Morgengrauen und picken die Brotkrumen auf, die wir am Abend zurückgelassen haben.

Die Zeit ist hier im Fluss, wir planen nicht, haben keine Deadlines. Es ist fast wie ein Tanz, bei dem die Zeit zur Bühne und der Raum zur Bewegung der Elemente wird. Viele von uns werden zum Opfer der Zeit – stattdessen arbeiten wir hier zusammen mit Raum und Zeit.

Immer, wenn ich in der Stadt bin, sehe ich so viele Menschen, die für mehr Zeit kämpfen, um über die Runden zu kommen. In ihrem hektischen Leben suchen sie verzweifelt nach ein wenig Raum, um Ruhe und Frieden zu finden. In Marokko lebe ich mit dem natürlichen Tempo und Rhythmus des Lebens. Ich lebe in dem Bewusstsein, dass alles im Fluss ist. Voller Ehrfurcht nehme ich wahr, dass alles um mich herum lebt und dass das Leben wahrhaftig ein Geschenk ist.

Das NEST Magazin verschenken

Wir schicken zwei Ausgabe des NEST Magazins an einen lieben Menschen deiner Wahl. Wann das erste Heft verschickt werden soll – zum Beispiel kurz vor einem Geburtstag oder vor Weihnachten – bestimmst du. Der ersten Sendung legen wir eine Grußkarte bei mit deinem Gruß an den Beschenkten bei.

Ein Leben in Fülle

Und diese offene und spontane Haltung ist etwas, das wir auf alle Aspekte des Lebens ausweiten. Ein Beispiel dafür ist Jamals Philosophie von seinem Zuhause: Für ihn ist ein Zuhause etwas, das er teilt. Es geht darum, anderen das Gefühl zu geben, dass es nicht nur seines ist, sondern auch ihres. Hier kannst du unangemeldet vorbeikommen und dir sicher sein, dass du willkommen bist. Auch während des Abendessens kann ein Gast anklopfen und wird jederzeit etwas zu essen bekommen. Du kommst gar nicht dazu, nach einer Tasse Tee zu fragen, denn sie wird schon für dich dort stehen. Das ist sehr typisch für die marokkanische Kultur.

Wir essen gemeinsam aus einer Tajine oder von einer großen Platte. Und wenn es Essen für vier gibt, dann ist auch immer genug für fünf da, und das wiederum heißt, es ist genug für sechs da. Auf magische Weise geschieht dies und ich habe nie jemanden gesehen, der das Essen mit einem leeren Magen beenden musste. Es ist eine Lebensanschauung, die ich lieben lernte und als wesentliche Lehre für mein Leben empfinde: Es ist immer möglich zu teilen, zu geben ohne zu fragen, das Gefühl der Fülle zu stärken und nicht das Gefühl eines Mangels.

Wir essen gemeinsam aus einer Tajine oder von einer großen Platte. Und wenn es Essen für vier gibt, dann ist auch immer genug für fünf da, und das wiederum heißt, es ist genug für sechs da. Auf magische Weise geschieht dies und ich habe nie jemanden gesehen, der das Essen mit einem leeren Magen beenden musste. Es ist eine Lebensanschauung, die ich lieben lernte und als wesentliche Lehre für mein Leben empfinde: Es ist immer möglich zu teilen, zu geben ohne zu fragen, das Gefühl der Fülle zu stärken und nicht das Gefühl eines Mangels.

Trotz unseres Reichtums haben wir im Westen nie wirklich gelernt, mit diesem Reichtum und ohne einen Mangel zu leben. Als ob es schwierig wäre, die Dinge, die wir haben, wertzuschätzen und damit aufzuhören, mehr zu wollen. Vielleicht müssen wir erst zu den Wurzeln, um das zu sehen. Hier vergisst man alles, was man haben könnte, und sieht den Reichtum in dem, was man hat.

Durch das einfache und langsame Leben habe ich gelernt, dass es einen Ort gibt, an dem das Leben zur Fülle kommt. Dass es in diesem erfüllten Leben um innere Offenheit, Ruhe und Akzeptanz geht. Dass wir in Ruhe und Leichtigkeit bleiben können, während sich das Leben fortwährend verändert. Zu wissen, dass die Felsen, das Meer, die Menschen, die Sterne, die Bäume, die Fische und die Vögel allesamt unsere Brüder und Schwestern sind, mit denen wir teilen müssen. Indem wir unsere Umgebung entrümpeln, erfahren wir, was es bedeutet, in Fülle zu leben.

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