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Grüne Insel

Text und Fotos Inga Schnepel

Mitten in der Ostsee, nahe dem schwedischen Festland liegt die östlichste Insel Dänemarks – Bornholm. Mehr als eine halbe Million Touristen besuchen die Insel jährlich. Bekannt ist sie vor allem für ihr außergewöhnlich sonniges Klima, ihre pittoresken Fischerdörfer, Räuchereien und ihre Handwerkskunst. Auch findet sich hier eine der vielseitigsten Landschaften Dänemarks: Weißer Sandstrand und Kiefernwälder im Süden stehen im Kontrast zu den felsigen Klippen und der Heidelandschaft im Norden, im Zentrum der Insel liegt eines der schönsten und größten, zusammenhängenden Waldgebiete Dänemarks.
Hier auf Bornholm ist einiges im Gange. Die Gemeinde hat sich zum Ziel gesetzt, die Schönheit und Natur der Insel zu bewahren und sie zu einem nachhaltigen und klimafreundlichen Ort werden zu lassen. In den kommenden Wochen treffe ich Unternehmer, die helfen wollen, die Insel zu dem werden zu lassen, was sie sein möchte: eine grüne Insel.

In Veras Küche brodelt und gärt es – biologisch angebautes Gemüse und Kräuter, aber auch andere essbare Pflanzen und Honig werden hier zu außergewöhnlichen Kreationen ihres Food-Labels Vera’s verarbeitet.

Mitten im Wald, ein wenig abgelegen von der Straße und außerhalb der Sichtweite anderer Häuser, liegt die Wohngemeinschaft Lyngbo. Hier lebt Vera zusammen mit ihrem Partner Thue, ihrem Sohn Birk, einigen Freunden sowie den Katzen Silke und Mille, zwei Kühen und einem Hund.
Als ich in Lyngbo ankomme, liegt eines der beiden Gewächshäuser am Boden. Der Sturm der letzten Nacht ist unter die Plane gefahren und hat es komplett zerstört. Zwei WWOOFer sind gerade dabei, den Schaden zu sichten. In ihrer kleinen Gärtnerei zieht Vera Gemüse, Kräuter und andere essbare Pflanzen, die zu Marmeladen, Chutneys, Sirup und Essig weiterverarbeitet werden

Einen Unterschied machen

Ursprünglich in Ulm aufgewachsen, verschlug es Vera bereits vor 17 Jahren nach Dänemark. Entwicklungshilfe in Afrika zu leisten, das war eigentlich ihr Plan. Eines Tages stieß sie auf eine Anzeige für ein dänisches Entwicklungshilfeprogramm und ohne lange zu zögern, packte sie ihre sieben Sachen und reiste gen Norden. Doch es kam anders als gedacht: Aus dem halben Jahr Entwicklungshilfe wurde ein vierjähriges Programm mit integriertem Studium, das sie auf einen längeren Einsatz als Lehrerin vor Ort in Afrika vorbereiten sollte. Genau das Richtige für sie, dachte sie damals. Wenn sie in Afrika Schüler unterrichten könnte, die ihr Wissen wiederum weitergeben würden, dann hätte sie einen Unterschied hin zu einer besseren Welt gemacht. „Denn ich will die Welt besser machen!“, sagt Vera, dies sei schon immer eines ihrer dringlichsten Anliegen gewesen. Doch es kam wieder anders als gedacht: Sie zog nach Kopenhagen, blieb für sieben Jahre in der dänischen Hauptstadt, schuf ein erstaunliches kleines Waldgärtchen in ihrem Schrebergarten und sehnte sich heraus aus der Stadt in die Natur. Und mitten in der Natur lebt sie nun.

Das NEST Magazin verschenken

Wir schicken zwei Ausgabe des NEST Magazins an einen lieben Menschen deiner Wahl. Wann das erste Heft verschickt werden soll – zum Beispiel kurz vor einem Geburtstag oder vor Weihnachten – bestimmst du. Der ersten Sendung legen wir eine Grußkarte bei mit deinem Gruß an den Beschenkten bei.

250.000 Bauernhöfe produzierten 2016 in der EU nach den Richtlinien des europäischen Biosiegels.

7% der landwirtschaftlich genutzten Fläche in der EU wurde 2017 für ökologischen Anbau genutzt.

13,3% betrug der Anteil der biologischen Produkte an den Lebensmitteleinkäufen der Dänen in 2017. Damit stehen sie weltweit an erster Stelle.

Wohngemeinschaft im Wald

Wir sitzen in der gemütlichen WG-Küche, trinken Kaffee und Vera erzählt mir von der Geschichte dieses Ortes. Für mehr als ein halbes Jahrhundert lebte hier ein Lehrer. „Er war im Herzen und in der Seele Kommunist“, erzählt Vera mit einem Lachen. „Er gab in diesem Gebäude Russischkurse, hier herrschte ein reges Kommen und Gehen.“ Vor fünf Jahren etwa übernahmen einige der jetzigen Bewohner das alte Gebäude und das verwunschene Grundstück und restaurieren es Stück für Stück nach ökologischen Prinzipien.
Vera führt mich über das weitläufige Grundstück. Direkt hinter dem alten Haus liegt das Modellhaus, ein Herzensprojekt von Mitbewohner Mads. Das beeindruckende zweistöckige Gebäude mit seiner hohen Glasfront haben die Bewohner ausschließlich aus ökologischen Materialien errichtet. Laute Musik dröhnt aus einem Schuppen: Mads arbeitet gerade an einem weiteren kleinen Häuschen, in dem einmal Besucher übernachten sollen. Neben der Werkstatt liegt das kleine Waldgärtchen, ein Projekt von Mitbewohner Morten, der zusammen mit seiner Partnerin Lili und Freunden das genossenschaftliche und vegane Café Momo in Rønne betreibt.

Von der Erde auf den Tisch

Ob Stauden, Kräuter oder Blumen – Vera experimentiert gerne mit essbaren Pflanzen. In Lyngbo soll deshalb ein kleiner Versuchsgarten anleget werden, den sie für Kurse und Workshops nutzen möchte. „Mein Traum ist, ein Zentrum für Permakultur aufzubauen“, erzählt Vera. Zielgruppe sind neben Schülern aller Klassenstufen auch Erwachsene, die ihr Essen selbst anpflanzen, aber darauf verzichten möchten, jedes Jahr neue Gemüse zu säen. Denn für dieses Problem gebe es Lösungen, so Vera, wie zum Beispiel das Pflanzen essbarer Stauden.

„Mein Traum ist, ein Zentrum für Permakultur ­aufzubauen.“

Vera

Auch ein Honighaus und eine Küche für die Herstellung der Produkte ihres Food-­Labels Vera’s sind in der Planung. „Gerade der kreative Freiraum reizt mich an diesem Projekt“, sagt Vera und reicht mir ein Glas mit einer ihrer Kräutersalzkreationen der letzten Saison. Die Zutaten für ihre Produkte werden ausschließlich aus der eigenen Gärtnerei und von anderen biologischen Erzeugern auf der Insel stammen. Vera zieht einen großen Bottich mit Honig unter ihrem Schreibtisch hervor und zeigt mir ihre aktuelle Ausbeute. „Ein Honigessig nach der Balsamico-Methode, das wäre ein Traum“, sagt sie. „Wichtig ist mir vor allem, dass all meine Produkte die Seele Bornholms verkörpern und bei den Konsumenten Erinnerungen an die Natur, die Sonne und den Sommer auf der Insel wecken.“ Doch dürfen sie, so Vera, auch gerne „Geschmacksnervenkitzler“ sein. Gezielt setzt sie deshalb Techniken der Fermentation ein, verwendet Kombucha-Pilze, nutzt Gärprozesse und setzt beispielsweise eine Essigmutter zu, um bekannten Geschmäckern „eine neue Tiefe und Twist“ zu verleihen.
In diesem Winter werden Veras Produkte bereits auf den hiesigen Weihnachtsmärkten zu finden sein. Neben Honig, Marmelade und Sirup werden dann auch ausgefallenere Kreationen wie ein Erdbeeressig und ein Honigerdbeeraufstrich vorgestellt.

Fermentation

Als Fermentation wird die Umwandlung organischer Stoffe unter Zugabe von Zellkulturen oder Enzymen bezeichnet. Es entstehen in der Folge Säure, Gase und Alkohol. Gerade in den letzten Jahren hat die ­Fermentation ein Comeback erlebt. Nutzte man sie früher zur Haltbarmachung von Lebensmitteln, zielt sie heute gerade in der Spitzenküche auf die Entstehung außergewöhnlicher Aromen ab, die durch den Gärprozess entstehen.

Ökologische Landwirtschaft

Der Anteil ökologisch zertifizierten Ackerbaus auf Bornholm soll bis 2025 auf insgesamt 20 Prozent ansteigen. Das dänische Festland mit einbezogen, lag der Anteil der ökologischen Landwirtschaft 2017 noch bei unter 10 Prozent. Im europäischen Vergleich kamen ausschließlich Österreich mit 23 Prozent, Estland mit 20 Prozent und Schweden mit rund 19 Prozent an die gesetzte Marke heran. Anders sieht es jedoch mit dem Verkauf biologischer Produkte aus.

In der Natur findet Stinamy fast alles, was sie für ihr Start-up RÂR benötigt: Wild geerntete Brennnesseln, Wacholderbeeren und Hagebuttenblüten verarbeitet sie zu fermentierten Getränken, saisonalen Marmeladen und Blütenzuckern.

Von Lyngbo fahre ich über die wenig befahrenen Straßen Bornholms und durch eine malerische Landschaft weiter zum Ferienhof Soldalen im Norden der Insel. Der Hof wird von Melanie und Aslak betrieben, deren Apfelmosterei ich später ebenfalls besuchen werde. Stinamy lebt hier in einem alten Bauwagen inmitten des Hofes, umgeben von Ferienhäusern, einem Kindergarten, einem Ziegenstall und einem kleinen Laden mit Café, in dem Aslak und Melanie ihren Apfelsaft verkaufen.

Von Berlin auf die Insel

Bevor Stinamy nach Bornholm kam und blieb, ging sie voll und ganz im Berliner Großstadtleben auf. Doch eines Tages beschlich sie das Gefühl, nur noch zum Bezahlen der Miete einem Job nachzugehen, in dem sie zudem keinen tieferen Sinn für sich erkennen konnte. So besann sie sich auf ihre Wurzeln und überlegte, wie sie ihren Abschluss in Ernährungswissenschaften beruflich nutzen könnte. Gesunde und biologische Lebensmittel wollte sie herstellen. Wie genau, das würde sich noch zeigen. Nachdem die Idee einer „Recovery Bar“ für geschundene und ausgelaugte Städter in Berlin von ihr wieder verworfen worden war, beschloss sie, der Stadt zunächst den Rücken zu kehren.
Und so folgte sie dem Ratschlag eines Freundes und zog nach Bornholm. Ob sie die Stadt manchmal vermisse, frage ich sie. „Ja“, sagt sie, „doch dann fahre ich hin und nach zwei Tagen merke ich, dass ich mit meinem ländlichen Leben zufrieden bin.“ Es sei die richtige Entscheidung gewesen, an einem Ort wie diesem zu leben. Wolle sie ihre Ruhe haben, so könne sie sich in ihren Bauwagen zurückziehen. Sei ihr nach Gesellschaft, so habe sie hier jederzeit die Möglichkeit, mit den Bewohnern und Gästen von Soldalen ins Gespräch zu kommen. Doch nicht jeder sei der Typ für ein solches Leben, meint sie. „Wichtig ist, dass man sich nicht zu sehr davor fürchtet, allein zu sein.“ Wenn die letzten Touristen im Spätsommer und Herbst Bornholm den Rücken gekehrt haben, verändert sich der Rhythmus der Insel. Es wird ruhig und die Bewohner Bornholms ziehen sich immer mehr in ihre Häuser zurück. Stinamy plant zusammen mit Aslak und Melanie für die kommenden Winter Dinnerabende auf ­Soldalen. Sie wollen eine Möglichkeit des Zusammenseins schaffen, wenn die meisten Cafés und Restaurants ihre Tore für einige Monate schließen.

Beeren, Blätter und Blüten

Hier auf Soldalen fand Stinamy auch die Zeit, ihr Unternehmen RÂR zu gründen. Auf ihren Streifzügen durch die Wälder und Wiesen Bornholms, entlang der Strände und Steilküsten, sammelt sie Beeren, Blätter, Blüten und Nüsse und verarbeitet sie zu Sirup, Marmeladen, Chutneys und fermentierten Getränken. Wir sitzen in den beiden gemütlichen Sesseln inmitten einer zusammengewürfelten Einrichtung im Bauwagen und nippen an unseren Drinks, die Stinamy uns auf der Basis eines Holunderblütensirups gemixt hat. Die Ränder der Gläser sind in einen Hagebuttenzucker getaucht. Ihre Produkte möchte sie vor Ort in kleinen Läden und auf Märkten verkaufen, aber auch in ganz Dänemark und über die Grenzen hinaus. So werden sich in Zukunft auch fermentierte Drinks von RÂR in den Cocktailbars einiger deutscher Hotels wiederfinden. Auch ein Abonnement für saisonale Marmeladen ist in der Planung – im Sommer Erdbeere, im Winter Möhre und Kürbis.

„Ich arbeite mit der Natur und nicht gegen sie.“

Stinamy

Heute begleite ich Stinamy auf ihren Beutezug in die Nähe des kleinen Küstenortes Vang. Unzählige Hagebutten säumen den Weg, der direkt am felsigen Strand entlangführt und zum 120 Kilometer langen Wanderweg rund um die Insel gehört. Sie pflückt hier die Blüten der Hagebutte, um sie später weiterzuverarbeiten. Die Hagebutte zählt auf Bornholm zu den invasiven Alien-Spezies. Die Pflanze, die ursprünglich nicht auf Bornholm heimisch war, beeinträchtigt mit ihrem ausufernden Wurzelwerk das Wachstum anderer Pflanzen.
Stinamy hat sich entschieden, ausschließlich solche Pflanzen wild zu ernten, die das dänische Ministerium für Umwelt und Nahrung uneingeschränkt zum Sammeln und Pflücken freigegeben hat. Waldmeister oder Wasserminze beispielsweise gelten auf Bornholm als selten und gefährdet und dürfen nicht gepflückt werden.
Jetzt im Juli werden die Wacholderbeeren reif, doch nimmt die Ernte sehr viel Zeit in Anspruch, erzählt Stinamy. Selbst Tiere belassen die Beeren meist am Strauch, denn dieser ist dornig und stachelig. An den Zweigen des Wacholders finden sich sowohl die reifen als auch die unreifen Beeren des kommenden Sommers. ­Stinamy muss besondere Vorsicht walten lassen, um nicht die Ernte des nächsten Jahres zu beeinträchtigen.

Invasive Alien-Spezies

Pflanzen, die ursprünglich nicht in Dänemark wuchsen, werden als ­Alien-­­Spezies bezeichnet. Einige wenige von ihnen gedeihen zudem so gut in ihrem neuen ­Territorium, dass sie als invasiv bezeichnet werden. Diese Pflanzen verdrängen häufig die heimische Flora und wirken sich somit nachteilig auf die Biodiversität aus.

Lokale Alternativen

„Die Zutaten für all meine Produkte stammen ausschließlich von der Insel“, berichtet sie stolz. „Wenn ich eine bestimmte Note für meine Produkte haben möchte, wie zum Beispiel Zitrone, dann suche ich mir dafür eine lokale Alternative, beispielsweise den Sanddorn.“ Dieser wächst auf Bornholm zwar nicht wild, wird aber auf einer Plantage angebaut. Stinamy unterstützt auf diese Weise die lokalen Unternehmen und verzichtet auf lange Transportwege für den Einkauf ihrer Zutaten.

Aslak und Melanie betreiben im Norden der Insel den Ferienhof Soldalen. Hier produzieren sie Apfelsaft in der eigenen Mosterei Mostballaden und verwandeln den Hof einmal im Jahr während des Cirkus i Soldalen in eine Manege.

Einige Tage später statte ich Soldalen einen erneuten Besuch ab. Melanie begrüßt gerade einige Besucher, die gekommen sind, um sich die Premiere von Aslaks ­Zirkusperformance anzuschauen.
Aslaks und Melanies Geschichte beginnt in den Niederlanden. Als der gebürtige Bornholmer seine Ausbildung auf der Zirkusschule in Tilburg begann, war die aus Bonn stammende Melanie bereits in ihrem letzten Studienjahr. „Tilburg ist eine kleine Stadt mit lauter so quadratischen Leuten“, sagt Melanie mit einem Grinsen. So schnell wie möglich wollte sie damals nach ihrem Abschluss von dort verschwinden, doch blieb sie der Liebe wegen. Während Aslak trainierte und studierte, trat sie an verschiedenen Orten in Deutschland, Belgien und den Niederlanden auf.

Ein verwunschener Ort

Der Tag, an dem sie Aslaks Eltern auf deren Ferienhof in der Nähe von Olsker zum ersten Mal gemeinsam besuchten, sollte Melanies Leben auf den Kopf stellen. „Es war, als ob ich plötzlich im Paradies gelandet wäre“, beschreibt Melanie ihren ersten Eindruck des Hofes. Umgeben von vielen kleinen, verwinkelten und bunten Hütten, die sich an den Hügel schmiegten, lag das gelb angestrichene, alte Haus der Eltern. In einem kleinen Laden wurde Apfelmost verkauft, den Aslaks Eltern selbst produzierten. Es war warm und Freunde waren gekommen, um im Garten zu helfen. „Ich habe mich gefühlt, als wäre ich in einem Traum, alles war so ein bisschen verwunschen“, sagt Melanie. Nie hatte Aslak erwähnt, wie er groß geworden war, wie seine Eltern lebten und was sie hier im Norden Bornholms aufgebaut hatten.
Aslaks Eltern, die Dänin Isa und ihr aus Deutschland stammender Mann Friedhelm, hatten das Gelände in den 1980er-Jahren von einer – so wird sie beschrieben – emanzipierten, rothaarigen Frau in Hosen übernommen, die dort seit 1938 eine Apfelplantage betrieben hatte und als Pionierin für natürliche Anbaumethoden galt.

Dänisches Biosiegel

Neben dem europäischen Biosiegel wird für Lebensmittel in Dänemark ausschließlich das Ø-Siegel verwendet. Lebensmittel, die dieses Logo tragen, werden staatlich kontrolliert.

Label für Bioküche

Seit 2009 wird Det Økologiske Spisemærke in verschiedenen Abstufungen für Großküchen, Restaurants und Cafés vergeben. Das goldene Label bestätigt, dass zu 90-100% Biolebensmittel in der jeweiligen Küche verwendet werden.

Lokale Ernte – lokaler Verkauf

Auch heute noch wird auf Soldalen Apfelmost produziert. Melanie und Aslak haben die Mosterei von den Eltern übernommen, betreiben diese nun schon im dritten Jahr, stehen an manchen Tagen bis zu 16 Stunden an den Maschinen. Apfel für Apfel wandert durch ihre Hände in die Saftpresse, welche – auf die Ladefläche eines kleinen Anhängers gequetscht – im Hinterhof steht. Ursprünglich sollte die mobile Presse in der Erntezeit durch die Dörfer und Städtchen gefahren werden, um Äpfel aus privaten Gärten direkt vor Ort einsammeln und pressen zu können. Doch stattdessen luden die Bornholmer ihre Äpfel selbst in den Kofferraum und brachten sie nach Soldalen. Kein Wunder, denke ich mir, während mir der Kaffee- und Kuchenduft aus dem Café in die Nase strömt. Denn schön ist es hier, ein bunter und ruhiger Ort mit freundlichen Menschen, umgeben von wundervoller Natur. Einen Besuch, wenn auch nur, um Äpfel vorbeizubringen, ist er allemal wert.

98% aller Dänen kennen das dänische Ökosiegel.

1987 erließ Dänemark als erstes Land weltweit ein Gesetz zur Kontrolle biologisch produzierter Lebensmittel.

248 wurde das goldene Label für Bioküchen bis 2016 in Dänemark vergeben.

Im Gegensatz zu den anderen Mostereien auf Bornholm verkaufen Melanie und Aslak ihren Apfelsaft ausschließlich in Drei-, Fünf- und Zehn-Liter-Kanistern. Ein Konzept, das auf weniger Verpackungsmüll abzielt, und auf großen Anklang bei Restaurants und Hotels stößt. Einmal geöffnet, hält der Saft in den Boxen auch ungekühlt rund einen Monat und so können selbst die größeren Kanister von privaten Haushalten verwendet werden. Positiv für die Umwelt ist zudem der ausschließlich lokale Verkauf des Apfelsafts auf der Insel.
Durch die Einführung des dänischen Biosiegels für Restaurants 2009, welches den Anteil an Biolebensmitteln auf den Speisekarten bewertet, wurde es zunehmend wichtiger für Produzenten, ihre Erzeugnisse als biologisch zertifizieren zu ­lassen. Ein Großteil der Äpfel, die Melanie und Aslak zu Saft verarbeiten, stammt aus privaten Gärten, so dass eine Biozertifizierung für ihren Apfelsaft nicht möglich ist. Für Melanie und Aslak steht jedoch der soziale und lokale Aspekt der Produktion im Vordergrund. Für die Zukunft denken sie dennoch darüber nach, die alte Streuobstwiese auf dem Hügel oberhalb des Ferienhofes wieder aufleben zu lassen, Bioäpfel anzubauen und einen Biosaft auf den Markt zu bringen.

Während wir über das weitläufige Grundstück spazieren, erzählt Aslak, wie sein Vater zusammen mit Freunden aus der reinen Freude am Bauen heraus die Häuser errichtete. Angefangen hatte alles mit einem Nurdachhaus. Wir folgen einem steilen Pfad den Hang hinauf und da liegt es, zwischen Bäumen, mit Moos überzogen, wie aus einem Märchen. Ein Kuhstall sollte es werden, erzählten sie damals der Gemeinde. Doch als es einmal errichtet war, war klar, dass keine Kuh jemals hier untergebracht werden würde.

Zirkus auf Soldalen

Einmal im Jahr treten hier nun Artisten im Rahmen des Cirkus i Soldalen auf, den Aslak und Melanie in diesem Jahr zum dritten Mal ausrichten. Zwei Tage lang strömen dann Touristen und Einheimische auf den Hof, wandern von einer Performance im Wald zu der nächsten auf der mittig gelegenen Wiese.
Auch die Gäste des Cafés und Kunden des kleinen Ladens kommen einmal wöchentlich während des Sommers in den Genuss einer kurzen Performance. Im Wechsel treten die beiden jungen Eltern mit ihren Shows auf der Wiese auf. Auch der kleine Yuno bestaunt heute seinen Vater, während der eine Stange mühelos hinaufklettert und – oben angekommen – auf einer winzigen Plattform einen Kopfstand vollführt.

Acht ziele für eine grüne Zukunft

2008 fasste die Gemeinde Bornholm den Entschluss, in Zukunft eine zu hundert Prozent nachhaltige und CO2-neutrale Gesellschaft werden zu wollen. Um dies zu erreichen, wurden – angelehnt an die 17 Ziele der Agenda 2030 – acht Hauptziele definiert.

1 WIRTSCHAFT. Das Wachstumspotenzial im nachhaltigen Bereich wird genutzt, um Wissen, Partnerschaften, Unternehmen und Kapital auf die Insel zu bringen.

2 TRANSPARENZ. Der nachhaltige Wandel Bornholms wird dokumentiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

3 KLIMANEUTRALITÄT. Bis zum Jahr 2025 wird eine hundertprozentige Klimaneutralität in der Energiegewinnung erreicht, bis 2032 kein Müll mehr produziert. Abfall wird im Rahmen der Kreislaufwirtschaft zu einer Ressource. Langfristiges Ziel ist die Emissionsfreiheit.

4 TRANSPORT & VERKEHR. Öffentliche Verkehrsmittel auf der Insel kommen ohne fossile Energieträger aus. Die Gemeinde möchte Fahrgemeinschaften und Carsharing fördern. Letztlich sollen umweltfreundlicher Transport und Verkehr selbstverständlich für jeden Bürger werden.

5 WOHNBAU. Alte Häuser werden energie­effizient saniert, während ihre Identität gleichzeitig bewahrt wird. Für die Sanierung von Wohnungen und Häusern sollen nachhaltig produzierte oder recycelte Materialien verwendet werden. Es wird Raum geschaffen für neue Arten von Wohnungen und Wohngemeinschaften.

6 LEBENSMITTEL. Bornholm ist bekannt für die Produktion hochwertiger Lebensmittel. Diese Tradition soll aufrechterhalten und umweltfreundliche Innovationen gefördert werden. Die Kommune möchte zum Pionier der nachhaltigen dänischen Lebensmittelproduktion werden. Teilziel ist die Ausweitung des biologisch zertifizierten Ackerlandes auf 20 Prozent bis 2025.

7 NATUR. Die einzigartige Landschaft Bornholms soll erhalten werden. Denn gerade sie ist es, die die Insel sowohl für Touristen als auch für neue Bewohner attraktiv macht. Teilziele sind unter anderem die Stärkung der Biodiversität und die Ausweitung zusammenhängender Naturgebiete.

8 EINBINDUNG. Alle Bewohner Bornholms sind Teil der großen Vision, angefangen bei den Kindern und Jugendlichen, die bereits für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisiert werden.

„Seit die Vision einer Bright Green Island veröffentlicht wurde, sind auf Bornholm viele Start-ups mit nachhaltigem Ansatz gegründet worden. Und die Zahl der nachhaltig arbeitenden Unternehmen wächst weiter an.
Bornholm ist ein grüner Spielplatz für Designer, Architekten und Foodies geworden, die hier ihre kreativen und nachhaltigen Ideen ausprobieren können.“

Søren Femmer Jensen,
Projektleiter des Bornholmer Start-up-Programms „588“
und Gründer von „Co Creative“.

Ihr Hanf wächst im Einklang mit dem Mond. Für ihr Start-up Bornholmerhampen produzieren Signe & Emmanuel aus den Blättern und Samen der Hanfpflanzen kosmetische Produkte und Lebensmittel.

in Reh setzt mitten am Tag in großen Sprüngen durch das Hanffeld in der Nähe von Østermarie. Hier kommen so wenige Menschen vorbei, dass das Tier ganz sicher nicht mit uns gerechnet hat. Signe und Emmanuel bauen auf dem Feld seit einigen Jahren Nutzhanf an, aus dem sie Kosmetikprodukte und Lebensmittel herstellen.
Seit den 1990er-Jahren ist der Anbau von Nutzhanf, dessen Wirkstoffgehalt zu gering ist, um einen Rauschzustand zu erzeugen, auch in Dänemark erlaubt. Als die ersten Hanfpflanzen hier ihre Blätter dem Himmel entgegenstreckten, rupften immer wieder Vorbeikommende ein paar Pflänzchen aus der Erde, nicht wissend, dass der Konsum der Blätter keinen Rausch erzeugen würde, erzählen mir die beiden lachend.

Gut für das Klima

„Betrachtet man Hanf an sich – unabhängig von seiner psychoaktiven Wirkung –, so ist dieser eine ganz außergewöhnliche Pflanze“, erzählt Signe. „Neben ihrer Fähigkeit, große Mengen CO2 aus der Luft zu absorbieren, ist sie gleichzeitig ein optimaler Energielieferant für den Menschen, reich an Omega-3-, -6- und -9-Fettsäuren und proteinhaltiger als beispielsweise Fleisch. Damit ist die Pflanze insbesondere für eine vegetarische Ernährung oder die Ernährung eines Athleten geeignet.“
Signe und Emmanuel beleben mit dem Anbau von Hanf ein Gewerbe, das auf Bornholm schon vor hunderten Jahren ausgeübt wurde. Damals wurde Hanf hauptsächlich zur Herstellung von Seilen und als Futter für Tiere verwendet und war ein gebräuchliches Handelsgut. In Archiven fanden sie Schriftstücke, die dies belegen.

0,2% darf der THC-Gehalt des in Deutschland angebauten Nutzhanfes nicht übersteigen.

10.000 Jahre alt ist der wohl älteste archäologische Fund – ein Hanfseil –, der die Nutzung der Hanfpflanze bereits in dieser Zeit belegt.

2700 v. Chr. wurde Hanf bereits als ­Arzneimittel in China verwendet.

Vom Büro aufs Feld

Das Hanfprojekt bedeutet sowohl für Signe als auch für Emmanuel einen Bruch mit ihrem bisherigen Arbeitsleben. „Ich mag die Herausforderung“, scherzt Emmanuel, als er mir erzählt, wie er zum Hanf gekommen ist. Lange hatte er in Argentinien im IT-Bereich gearbeitet, wünschte sich einen Umschwung sowohl für sein Leben als auch für seine Arbeit und beschloss, nach Dänemark auszuwandern. In Dänemark lernte er Signe kennen, die als Lehrerin auf Bornholm arbeitete und dort auch aufgewachsen war. Gemeinsam wollten sie etwas gänzlich Neues aufbauen und gründeten Bornholmerhampen.

In der Hafengegend von Rønne verarbeiten Signe und Emmanuel die Hanfpflanzen zu Tee, Speiseöl, Mehl und kosmetischen Produkten. Hier stapeln sich die getrockneten Hanfblätter in großen Säcken an der Wand. Emmanuel zeigt mir, wie er die Blätter mit einer selbstentwickelten Maschine zu Tee weiterverarbeitet. Viele der Maschinen, die sie für ihre Produktion verwenden, dienten ursprünglich einem anderen Zweck, wurden von Emmanuel weiterentwickelt und umgebaut. Es war schwierig, so erzählen mir die beiden, herauszufinden, wie die Produktionsschritte ablaufen und welche Maschinen benötigt würden. Gespräche mit hiesigen Hanfproduzenten führten aufgrund einer befürchteten Konkurrenz häufig ins Leere. Mehr Erfolg hatten die beiden in Gesprächen mit schwedischen und deutschen Produzenten. Bald wird eine neue Maschine aus Polen eintreffen. Dann können sie das Öl aus den Hanfsamen selbst pressen. Zurzeit ist dieser Produktionsschritt ausgelagert. In der Mitte des Raums befindet sich ein großer Bottich mit den Pressküchlein, die bei der Ölproduktion entstanden sind. Aus diesen werden sie später das Mehl mahlen.

Im Einklang mit der Natur

Signe und Emmanuel gefällt das Konzept der „Bright Green ­Island“. Mit ihrem Projekt wollen sie deshalb dazu beitragen, Bornholm zu einer grüneren Insel werden zu lassen. In Kürze soll der bereits biologische Anbau ihres Hanfes sogar biologisch-dynamisch werden. Dazu zählen neben vielen weiteren Faktoren, beispielsweise dem Einbringen spezieller Präparate, auch das Säen, Auspflanzen und Ernten abgestimmt auf die Mondphasen. „Meine Großmutter wuchs auf dem Land in Argentinien auf. Für sie war es selbstverständlich, ihr Leben nach dem Mond auszurichten.“ Emmanuel fährt mit den Fingern durch die Hanfblätter und lässt seinen Blick über das Feld schweifen. Bereits die Samen für die Pflanzen dieser Saison sind an Blatttagen gesät worden und die beiden sind mit dem Ergebnis zufrieden. „Wir möchten den Zyklus der Natur respektieren.“

„Wir wollten etwas machen, das einen positiven Einfluss auf die Natur hat.“

Signe

Biologisch-dynamische
Landwirtschaft

Zentrales Element der biologisch-dynamischen Landwirtschaft ist die Berücksichtigung eines geschlossenen Nährstoffkreislaufes. In diesem Kreislauf bilden Mensch, Pflanze, Tier und Boden einen Organismus. Die biologisch-dynamische Landwirtschaft geht zurück auf die Ideen des Begründers der Anthroposophie, Rudolf Steiner.

Hanfanbau in Deutschland

Auch in Deutschland hat der Anbau von Hanf eine lange Tradition, wurde jedoch 1982 aufgrund der psychoaktiven Wir­kung der Pflanze verboten. Erst seit 1996 ist die Kultivierung von Nutzhanf mit einem geringen THC-Gehalt unter strengen Auflagen wieder erlaubt.

Rocío gestaltet für ihr Unternehmen Dewdrop Tiles filigrane Mosaike aus den Bruckstücken ausrangierter Fliesen. Eingesetzt in alte Fliesenspiegel, sollen die kleinen Kunstwerke muffigen Räumen einen neuen Anstrich verleihen.

Wenn es um das Thema Kreislaufwirtschaft auf Bornholm geht, könnte Rocío stundenlang erzählen. Die gebürtige Chilenin leitet das Projekt BYG360°, das darauf abzielt, herauszufinden, welche Materialien beim Abbruch eines Gebäudes im Bauschutt zu finden sind, wie diese separiert und wiederverwertet werden können. BYG360° ist eines von vielen Projekten, die ihm Rahmen der Vision einer „Bright Green Island“ von der Gemeinde Bornholm durchgeführt werden. Nicht nur in ihrer Tätigkeit als Projektleiterin ist sie Expertin für Recycling, sondern sie widmet sich dieser Thematik auch mit ihrem Unternehmen Dewdrop Tiles. Aus alt mach neu – nach dieser Devise gestaltet sie aus alten Fliesen filigrane Mosaike.

Zwischen Dänemark und Chile

Während einer Reise zu den atemberaubenden Wasserfällen im Iguazú-Nationalpark, an der Grenze zwischen Brasilien, Argentinien und Paraguay traf Rocío 1995 auf einen Dänen, der – mit seinem Rucksack auf dem Rücken – die Welt bereiste und später ihr Mann werden sollte. Vier lange Jahre pendelte er zwischen Dänemark und Chile hin und her. Als Rocío schließlich ihr Architekturstudium in Viña del Mar abgeschlossen hatte, zog sie zu ihm nach Kopenhagen. Schnell lernte sie die dänische Sprache, fand einen Job als Architektin und gemeinsam bekamen sie zwei Söhne.

2032 soll der gesamte Abfall Bornholms als Ressource angesehen und wiederverwertet werden können.

11-12 Mio t Abfall fallen jährlich in Dänemark an. Damit zählt das skandinavische Land zu den abfallreichsten Ländern der EU.

Doch die Sehnsucht nach ihrer Heimat war nie ganz erloschen. Als sie mit ihrer Familie Urlaub auf Bornholm machten, entschied Rocío für sich: „Wenn ich in Dänemark wohnen muss, dann nur auf dieser besonderen Insel mit dem sonnigen Klima, nirgendwo anders in Dänemark.“ Dennoch gingen sie zunächst gemeinsam zurücknach Chile, gründeten dort eine Baufirma und arbeiteten letztlich so viel, dass ihnen keine Zeit für die Familie blieb. In dieser umtriebigen Phase brachte sie der Zufall zurück nach Bornholm – und dieses Mal blieben sie.

Bereits in Chile hatte sich Rocío mit der traditionellen Handwerkskunst des Mosaiklegens beschäftigt. Doch im umtriebigen Alltag gingen ihre Arbeiten nie über gelegentliche kleinere Werke hinaus.
Mit dem Tod ihres Mannes versiegte schließlich auch ihre Freude am kreativen Schaffen. Unsicher, wohin sie ihr Weg führen würde, reiste sie allein mit ihren beiden Söhnen nach Chile. Erst dort, am anderen Ende der Welt, wurde ihr klar, dass Dänemark mittlerweile zu ihrem Zuhause geworden war.

„Der Verschnitt wird aufbewahrt und irgendwann in ein Mosaik integriert.“

Rocío

Aus alt mach neu

Auf Bornholm konnte Rocío das erreichen, was ihr in Chile unmöglich erschien. Halbtags arbeitet sie nun für die Kommune, findet Zeit für sich und ihre Söhne und schaffte es zudem, ihren Traum einer kreativen beruflichen Tätigkeit in die Tat umzusetzen.
Rocíos Mosaikdesigns sind eingefügt in ein Rechteck aus mehreren Fliesen und können Teile eines in die Jahre gekommenen, alten Fliesenspiegels ersetzen. Auf diese Weise kann, so Rocío, die komplette Renovierung eines Raumes verhindert werden.
Wir schlendern über den Hinterhof zu ihrem kleinen Atelier auf der Rückseite des Hauses. Der winzige Raum beherbergt neben ihrer Werkbank ein zimmerhohes Regal. „Von jeder seiner Reisen brachte mein Mann Steine mit“, erzählt sie mir. Auf dem Regal stehen Gläser über Gläser, angefüllt mit den nach Farben sortierten Steinfunden ihres Mannes, Fliesenscherben und anderen Fundstücken, die sie von Zeit zu Zeit für ihre Einzelstücke verwendet.

Rocíos Designs für Dewdrop Tiles, die sie ursprünglich in Handarbeit fertigte, werden mittlerweile maschinell produziert. Und so kann sich Rocío auf den kreativen Aspekt der Arbeit konzentrieren. Angefüllt mit Motiven und Zeichnungen seien ihre Tagebücher, erklärt sie mir. Die Ideen für neue Designs werden ihr in Zukunft nicht ausgehen.

Im Winter zogen Line und Jakob mit ihren Kindern auf die Insel. Nur wenige Monate später gründeten sie Rø Jordbrug. Heute hüten sie eine kleine Schar Hühner und verkaufen Eier und Microgreens an die umliegenden Restaurants.

Line und Jakob ernten die Zutaten für die abendliche Pizza im heimischen Garten. Ihre beiden Kinder toben vergnügt über die Wiese, schaukeln anschließend in der Hängematte. Auch die Hühner wurden kurz zuvor besucht, gefüttert und die gelegten Eier von Vater und Sohn eingesammelt. Das Familienidyll ist perfekt. Doch war es nicht immer so, erzählen mir die beiden später, während sie in der Küche das Abendessen zubereiten.

Vor einiger Zeit noch lebten sie nördlich von Kopenhagen, Line arbeitete als Physiotherapeutin, Jakob als Ingenieur. Jeden Tag fuhren sie 40 Minuten zur Arbeit und 40 Minuten von der Arbeit zurück nach Hause. „Wir lebten ein durchschnittliches, normales Leben“, sagt Line. „Jeden Abend, wenn wir von der Arbeit kamen, spielten wir mit den Kindern im Haus, machten Essen und gingen zu Bett“. Sie grübelten, diskutierten, fingen an zu träumen: von einem Leben mit mehr Zeit für die Familie. Anstatt den Tag am Schreibtisch zu sitzen, wollten sie eine Tätigkeit finden, die es ihnen ermöglichte, zusammen mit den Kindern viel Zeit an der frischen Luft zu verbringen.

Zeit für die Familie

Während eines Urlaubs in Spanien entschieden sie endgültig, ihr Haus in dem kleinen Städtchen, in dem sie wohnten, zu verkaufen. Und nur wenige Monate später, an Weihnachten, war es so weit. Das Haus war verkauft und die Familie bereit für ein Wagnis.
Bevor es sie jedoch nach Bornholm verschlagen sollte, verbrachten sie noch einige Monate in Jakobs Heimatland Norwegen und arbeiteten dort auf zwei Bauernhöfen für Kost und Logis. Eine schöne Zeit war das, erinnern sich die beiden. Die Kinder fanden Spielkameraden, sie selbst genossen die Gesellschaft auf den Bauernhöfen und lernten viel über die Landwirtschaft. Doch gerne wollten sie etwas Eigenes aufbauen, etwas erschaffen, das für sie Bestand hätte.

„Wir wollten mehr Zeit zusammen als Familie verbringen.“

Line

Nach ihrer Rückkehr suchten sie in den Küstenregionen Dänemarks nach einem Ort, an dem sie bleiben wollten. Während ihrer Suche kamen sie nach Bornholm, halfen auch hier auf einem Bauernhof aus und sahen sich nach Häusern um. Schließlich wurden sie fündig und zogen mitten im Winter nach Bornholm.
Sie gehören damit zu einer Generation junger Menschen, die sich trotz des steigenden Durchschnittsalters und der sinkenden Bevölkerungszahlen von der Insel angezogen fühlen und merken, dass sie hier etwas bewirken können. Von den Unternehmern, die ich in den letzten Wochen auf Bornholm getroffen habe, wurden nur zwei tatsächlich auf Bornholm geboren. Die übrigen zogen vom dänischen Festland oder aus dem Ausland auf die Insel.

Eier und Microgreens

Vom Küchenfenster aus fällt unser Blick auf den außergewöhnlichen Hühnerstall mit Pultdach. Unzählige Videos habe er sich von einem schwedischen Hühnerbauern angeschaut. Die beiden trafen sich und nun steht ein exakter Nachbau des schwedischen Exemplars auf Jakobs und Lines Feld. „Über 30 Jahre wurden auf diesem Land chemische Dünger eingesetzt. Die Hühner helfen uns dabei, das Leben zurück in den Boden zu bringen“, erzählt Jakob enthusiastisch. Die beiden wollen das Feld nun auf natürliche Weise bearbeiten, ohne den Einsatz von Pestiziden und Düngern. „Die Exkremente der Hühner machen den Boden wieder fruchtbar, mit ihren Krallen ­lockern sie ihn auf. Und wenn das Gras erst einmal höher gewachsen ist, werden auch einige Schafe den Hühnern Gesellschaft leisten.“
In einem Schuppen auf der Rückseite ihres Hauses strecken Erbsen-, Radieschen- und Sonnenblumenkeimlinge ihre zarten Blätter in Richtung der grell strahlenden Lampen. Gerade die Köche der exquisiten Restaurants garnieren ihre Speisen gerne und zunehmend mit den kleinen Gewächsen.
In nur wenigen Monaten haben Line und Jakob ihr kleines Unternehmen aufgebaut. Zweimal in der Woche beliefert Jakob nun die Restaurants der Insel. Für das kommende Jahr ist eine Biozertifizierung ihrer Produkte angestrebt.

250.000 Bauernhöfe produzierten 2016 in der EU nach den Richtlinien des europäischen Biosiegels.

7% der landwirtschaftlich genutzten Fläche in der EU wurde 2017 für ökologischen Anbau genutzt.

13,3% betrug der Anteil der biologischen Produkte an den Lebensmitteleinkäufen der Dänen in 2017. Damit stehen sie weltweit an erster Stelle.

Die richtige Entscheidung

Das Leben, das sie hier auf Bornholm führen, unterscheidet sich stark von ihrem vorherigen Leben. Vom Feld hinter ihrem Garten ist ein tiefblauer Streifen Ostsee zu sehen, rechts und links des Hauses erstrecken sich Felder und Wiesen. Nachbarn gibt es hier nur wenige. Doch die Entscheidung für die Insel, für die Familie und für ihren gemeinsamen Traum war die richtige, da sind sie sich sicher.

Auf diesen 588 Quadratkilometern Land, die mitten aus der Ostsee ragen, habe ich viele Menschen getroffen – junge Menschen, ältere Menschen, solche die hier aufgewachsen sind und solche, die sich vom Flair und der Natur der Insel angezogen fühlten und geblieben sind. Sie alle wollen etwas verändern, etwas Gutes bewirken.
Die Ziele der Kommune sind ambitioniert: Emissionsfreiheit, Kreislaufwirtschaft, Biodiversität, Ökolandbau. Das alles ist ohne das Zutun jedes Einzelnen nicht möglich. Ob sich die Vision einer grünen Insel umsetzen lässt, wird sich zeigen. Dennoch ist dies ein Projekt, das seinesgleichen sucht, die Menschen auf der Insel inspiriert und zum Handeln antreibt.

Quellen:

BOFA; Bornholmerdata; Bright Green Island Bornholm; Bundesanstalt für Landwirt­schaft und Ernährung, Bundesministerium für Gesundheit; Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung; DAKOFA Dansk Kompetencecenter for Affald og Ressourcer; Danmarks Statistik; Demeter; Europäische Kommission; Eurostat; ISWA International Solid Waste Association; Landbrug & Fødevarer; ­­Miljø- og Fødevareministeriet; Organic Denmark.

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