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In luftiger Höhe

Text Jo Scheer

Auf seinem Land in Puerto Rico baute Jo Scheer einst 35 verschiedene Arten Bambus an, gestaltete aus dem flexiblen Material Möbel, Lampen und schließlich Baumhäuser. Ein Hurrikan zerstörte 2014 sein Werk auf der karibischen Insel. Aufgehört hat er deswegen nicht. Die neueste Version seiner Baumhäuser soll auch den starken Winden standhalten, die aufgrund des Klimawandels vermehrt auftreten.

Mein erstes „Hooch“, so nenne ich meine Baumhäuser, habe ich auf der Zementklärgrube unseres Hauses in ­Puerto Rico errichtet. Das Fundament war zu klein und zu niedrig für einen zusätzlichen Raum und so stellte ich Bambusstangen auf, die vom Fundament ausgehend schräg nach oben aufstiegen. Auf diese Weise wurde die Grundfläche von drei Quadratmetern am Boden auf 13 Quadratmeter in der Höhe vergrößert. Der Begriff „Hooch“ stammt noch aus Zeiten des ­Vietnamkrieges. Soldaten des US-Militärs ­errichteten damals von Hand unzählige Schutzhütten, die sie Hooch nannten. Ursprünglich stammt der Begriff vermutlich vom japanischen Wort „Uchi“ ab, das soviel bedeutet wie „Haus“.

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Design

Ich entwarf das Haus in Hinblick darauf, dass einzelne Bauteile mit der Zeit Schaden nehmen würden und ersetzt werden müssten. Zudem wollte ich die Anfälligkeit für Umwelteinflüsse minimal halten. Deshalb entwickelte ich lange Dachüberstände, die das Innere trocken und schattig hielten. Den Kontakt des Hauses mit der Erde reduzierte ich auf ein Minimum. Ein Walmdach und die offene ­Konstruktion des Baumhauses sollten dem Wind keine Angriffsfläche bieten – ein äußerst wichtiger Faktor in tropischen Regionen, in denen des Öfteren Hurrikans auftreten.

Konstruktion

Von Natur aus müssen sich Baumhäuser an die Form eines ganz bestimmten Baumes anpassen. Ein vorgefertigtes und standardisiertes Design ist häufig nicht einsetzbar. Die Konstruktion eines solchen Baumhauses ist schwierig, zeitintensiv und manchmal gefährlich, da viele Arbeiten in einer beträchtlichen Höhe und teils mit provisorischen Gerüsten ausgeführt werden müssen.
Das Hooch steht auf nur einem einzigen Punkt, von dem die Bambusstangen zur ersten Ebene, dem Eingangsbereich, und vor dort zur zweiten Ebene, dem Hauptraum, hinaufstreben. Seile, die an den Ecken der zweiten Ebene angebracht sind, sichern das Baumhaus an nahegelegenen Bäumen oder Ankerpunkten am Boden. Der Einbau von Treppen oder das Aufsetzen des Daches geschieht erst, wenn die Grundkonstruktion stabil steht.
Ich habe einige Jahre auf einem Segelboot gelebt. Das Konzept des Baumhauses ist im Grunde eine Analogie zum Mast eines Segelbootes.

Insekten

In den Tropen ist jeder Luftzug willkommen. Je höher man sich befindet, desto stärker ist die Brise. Ein weiterer Vorzug der Höhe ist, dass man seinen Lebensraum nicht mit allzu vielen Insekten teilen muss. Die meisten Moskitos halten sich in der Nähe des Bodens auf und somit auch in der Nähe der meisten Säugetiere.
Die Verbindung der Konstruktion zum Boden ist minimal und bietet nur einen kleinen Zugangspunkt für krabbelnde Insekten, denn gerade Termiten sollten besser ferngehalten werden. Zudem habe ich rund um das Fundament des Baumhauses einen kleinen Wassergraben ausgehoben. Dieser hält die Bodeninsekten äußerst effektiv ab.

Hurrikan

Meine drei Hooches haben die Jahre gut überstanden. Das älteste Baumhaus trug nach Hurrikan Georges 1998 nur wenig Schaden davon. Mit einer Windgeschwindigkeit von mehr als 225 km/h traf 2017 dann Hurrikan Maria auf Puerto Rico. Ich verlor ein Baumhaus und die obere Hälfte eines weiteren. Das Dritte stand zwar noch, war aber in einem sehr schlechten Zustand.
Der Verlust brachte mich dazu, die Bauweise zu überdenken und eine stabilere Konstruktion zu schaffen, welche diese überaus starken Winde überstehen konnte, die als Folge der globalen Erwärmung in Zukunft aller Voraussicht nach gehäuft auftreten werden.

Burning Man

Einmal habe ich ein Hooch für einen Kunden in ­Kalifornien gebaut. Während sein eigentliches Wohnhaus errichtet wurde, nutzten es die Mitarbeiter der Baufirma. Später kontaktierte mich ebendiese Firma und fragte, ob sie ein ähnliches Konstrukt für das Burning-Man-Festival bauen dürften. Ich stimmte zu.
Dieses Hooch in der Wüste zeigte, dass die Befestigung nicht nur an Bäumen, sondern ebenso an Bodenschrauben möglich war. Die Befestigungsseile dekorierten sie mit LED-Lichterketten, damit niemand – während er nackt auf einem Motorrad durch die Wüste fuhr – an ihnen hängen blieb.

Bambus

Ich war und bin immer noch begeistert von Bambus als Baumaterial. Es ist stark, biegsam, eine nachwachsende Ressource und zudem jederzeit verfügbar – auf meinem Land habe ich insgesamt 35 Bambusarten angebaut. Bambus ist integraler Bestandteil meiner Konstruktionen: Die langen Stangen, die Wände und viele weitere architektonische Details realisierte ich mit diesem Material.
Bambus ist eine erneuerbare, funktionelle Ressource. Sie kann auf vielfältige Weise genutzt werden. Zumeist wird sie jedoch verwendet, um Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs zu fertigen. Als ich die Eigenschaften und den Nutzen von Bambus in westlichen Ländern erforschte, begann ich, die Schönheit des Materials zu würdigen. Schönheit und Nutzen miteinander zu kombinieren, wurde in der Folge mein Mantra und viele meiner Kreationen folgen dieser Ästhetik. Es entstanden einfache Designs, die sich auf die einzigartigen Qualitäten von Bambus verließen. Ich teilte, bog, verdrehte und verband das Material, experimentierte mit Drähten, Schnüren, Schrauben, Dübeln, Holz und Glühbirnen. Seit Jahren bin ich auf dieser Odyssee und es ist kein Ende in Sicht.

Zukunft

Nachdem Hurrikan Maria meine Baumhäuser teilweise zerstört hatte, habe ich mir eine Auszeit genommen, um eine Gegend zu erkunden, in der Bambus Teil der Kultur ist. Und so reiste ich für sechs Monate nach Südostasien. In dieser Zeit habe ich viel gelernt und erst die Verbindung des Menschen zu der unglaublichen Pflanze Bambus gänzlich verstanden.

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